Aufsatz 
Zum Lehrplan des Gymnasiums. Erwägungen in nationalem Sinne
Entstehung
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Wie das Individunm, ſo hat nun auch die einzelne Nation ihre beſonderen Eigen⸗ thümlichkeiten, wedurch ſie ſich von anderen Nationen unterſcheidet und in gewiſſem Sinne eine beſondere Perſönlichkeit bildet. Je höher, vollkommener und bewußter das geiſtige Leben in dieſer beſonderen Nationalität ausgebildet iſt, in deſto vollkommenerem Maße iſt die Ge⸗ meinſchaft dieſer Nation mit der Geſammtheit der Menſchen vorhanden. So wird die geiſtige Höhe des Individuums durch die Nationalität beſtimmt und umgekehrt. Hieraus ergibt ſich der große Werth der nationalen Bildung der Jugend. Aus dem geiſtigen Schatze der Nation empfängt der einzelne Menſch ſeinen Antheil an Nahrung für ſein eigenes geiſtiges Leben und kann dieſelbe verwerthen nach dem Bedürfnis, welches ſich in ſeiner Natur regt; und in dem Maße, wie er davon empfängt, iſt er auch daran gebunden, ſo daß es ſchon einen Kampf koſtet, wenn er ſich davon loslöſen will. Wer aber keinen Antheil davon empfängt, der iſt in ſeinem eigenen Hauſe ein Fremdling.

Wohin Nationen kommen, wenn bei ihnen ein ſolcher Zuſtand allgemein wird, davon geben die Blätter der Geſchichte genügende Auskunft: manche ſind dadurch untergegangen; aber auch unſere, der Deutſchen, Vergangenheit hält uns einen Spiegel warnend vor. Da ſich aber die deutſche Nation als ſolche jetzt wieder ſo mächtig aufgerafft hat, ſo haben auch die deutſchen Gymnaſien in dem Kreiſe ihres Einwirkens auf die ihrer Ausbildung anvertraute Jugend mit dafür zu ſorgen, daß das alte Uebel nicht wiederkehre. Die Mittel dazu haben ſie in den Gegenſtänden des Unterrichts und dem Geiſte der Erziehung. Natuürlich können dieſe nicht willkürlich oder zweifelhaft beſtimmt werden, ſondern ſie müſſen in dem Bewußtſein der Nation wurzeln und von dem Geiſte, der die Nation in Wahrheit erfüllt, durchdrungen ſein. Und wenu in einzelnen Fällen oder in gewiſſen Zeiten der in den Gymnaſien herrſchende Geiſt gegen das nationale Bewußtſein verſtößt, ſo wird das nur örtlich und vorübergehend ſein, der Nationalgeiſt duldet auf die Dauer ſolche Abnormitäten nicht, ſondern wandelt ſie um oder beſeitigt ſie, ſobald er zur Klarheit gelangt. Da nun das deutſche Volk gegenwärtig in ſeiner großen Geſammtheit durch ein ſtarkes Nationalgefühl gehoben iſt, ſo muß es ver⸗ langen, daß die Gymnaſien es ſich angelegen ſein laſſen, bei der ihnen anvertrauten Jugend, ſo weit ſie es vermögen, daſſelbe anzuregen, patriotiſche Geſinnung in ihr zu wecken, zu mehren und wirkſam zu machen, und das nicht ſo ſehr durch abſtracte Theorien als dadurch, daß ſie der Jugend die geiſtigen und ſittlichen Schätze ihrer Nation im Geiſte treuer Vaterlandsliebe darbieten, auf daß ſie ſich dieſelben mit dem Bewußtſein zu eigen mache, daß ſie darin eben ihren Antheil von dem Nationalgute empfangen habe.

Als einen ſolchen Antheil will ich zunächſt den Geiſt der Wiſſenſchaftlichkeit hervorheben, worin die deutſche Nation gegen keine andere zurücktritt. Die gegenwärtigen Zeitverhältniſſe mahnen in der That ernſtlich dazu, daß die Gymnaſien auf dieſem Gebiete auch fernerhin die Hände nicht in den Schoß legen. Denn wie unſere Zeit ſich auch daringroß und vielver⸗ heißend zeigt, daß ein lebhafter Sinn für wiſſenſchaftliche Kenntniſſe herrſcht und Belehrung eifrig geſucht wird; daß auf allen Gebieten neue, auch beſſere und reinere Begriffe gefunden, Irrthümer aber und Vorurtheile aufgedeckt und beſeitigt werden; ſo macht ſich auch Unedles, Seichtes und Unwahres unter dem Scheine der Wiſſenſchaftlichkeit breit und gewinnt ſolche, die ſich im beſten Falle mit Halbverſtandenem, meiſtens aber mit dem Scheine begnügen, daß ſie doch in den modernen Fortſchritten nicht zurückbleiben. Das iſt eine Schattenſeite der Be⸗ ſtrebungen, Wiſſenſchaftliches in populärer Form zu verbreiten, zumal wenn es ſich als ſolches noch nicht bewährt hat. Schon mancher iſt dadurch auf die ſchiefe Ebene und ins Hinabrollen

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