Aufsatz 
Lehrplan des Gymnasiums in ausführlicher Darstellung
Entstehung
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zugeführt. Viele Jahrhunderte hindurch war ſie ausſchließlich die Sprache der Kirche, der Schule, der Diplomaten und Gelehrten, ſomit die Vermittlerin und das wichtigſte Band unter den Culturvölkern. Auf die Entwickelung derſelben hat ſie den entſchiedenſten Einfluß ausgeübt und übt dieſen auch heute noch aus. Auf die Ausbildung unſerer Sprache und unſerer Nationallitteratur zumal hat ſie ſo eingewirkt, daß dieſe ohne die Kenntniß der römiſchen nicht völlig verſtanden wird. Die romaniſchen Sprachen aber wurzeln vollends auch mit ihrem Wortſchatz in der lateiniſchen Sprache, deren Formenreichthum ihnen jedoch abhanden gekommen iſt. Was nun ferner den Charakter dieſer Sprache an ſich betrifft, ſo iſt ſie durch denſelben in hohem Grade geeignet, unter den Mitteln für die Ausbildung der Denk⸗ thätigkeit die erſte Stelle einzunehmen. Das Verſtändniß einer jeden ausgebildeten fremden Sprache und Litteratur führt uns eben auf dem Wege der Vergleichung anderer Ausdrucks⸗ formen der Gedanken zu dem Bewußtſein von den allgemeinen Formen des richtigen Denkens überhaupt und macht unſern Blick für die eigenen Lebensverhältniſſe klar. Wer eine fremde Sprache verſteht, der hat an dieſer etwas, was ſich ihm als Gegenſtand der Erkenntniß un⸗ mittelbarer, alſo leichter darſtellt, als ſeine Mutterſprache, zu deren Verſtändniß er erſt der Abſtraction von einem mit ihm verwachſenen Object bedarf. Ganz beſonders aber iſt es die lateiniſche Sprache, welche dieſen Dienſt leiſtet, da ſie in Beziehung auf Schärfe und Beſtimmt⸗ heit der Formen, auf Reichthum und Dureſſichtigkeit der ſyntactiſchen Gliederung, auf Schön⸗ heit der oratoriſchen Mittel unübertroffen iſt. Somit vermag ihr Studium am beſten auch den Weg zu zeigen, um in das bewußte Verſtändniß unſerer Mutterſprache einzudringen. Aus dem Geſagten erklärt ſich zur Genüge, daß unter allen Schwankungen und vielfachen Verſuchen, wie ſie hier und da gemacht ſind, ſich mit dem Drängen auf Aenderungen des Lehrplans der Gymnaſien abzufinden, die lateiniſche Sprache ihre Stelle als Hauptunterrichts⸗ gegenſtand ſchließlich immer wieder behauptet hat.

Freilich aber muß nun, ſoll das Studium derſelben die erwarteten Wirkungen hervor⸗ bringen, dasſelbe auch bis zu einem gewiſſen Grade erſchöpfend betrieben werden, nämlich bis zum Verſtändniß der Hauptwerke ihrer Litteratur nach Form und Inhalt und der Fertigkeit, ſich mündlich und ſchriftlich, letzteres mit einiger Gewandtheit, richtig auszudrücken. Im Hin⸗ blick aber auf die unabweisbaren Anforderungen, welche auch auf andern Gebieten an die Gymnaſien geſtellt werden, iſt nicht zu verkennen, daß die Erreichung jenes Zieles mit erheb⸗ lichen Schwierigkeiten verbunden iſt. Das Gefühl dieſer Schwierigkeiten hat denn auch manche Schulmänner zu der Anſicht geführt, daß in unſern Gymnaſien im Lateiniſchen etwas rechtes nicht mehr geleiſtet werden könne. Dieſe Anſicht theile ich meinerſeits durchaus nicht; ich bin vielmehr der Ueberzeugung, daß Tüchtiges nicht nur geleiſtet werden könne, ſondern meiſt auch wirklich geleiſtet wird, ſo daß wir heute den Vergleich mit dem Standpunkt, wie er vor 50 Jahren war, im Ganzen nicht zu ſcheuen haben. In dieſer Beziehung bin ich kein laudator temporis acti Me puero, wo außerdem die Zahl der Gymnaſien weit geringer war. Ich meine, daß unſere Gymnaſien doch im Allgemeinen höher ſtehen, namentlich in dem Verſtändniß des Geiſtes des Alterthums und ſeines realen Inhaltes, als damals, wo vielleicht die formelle, mehr mechaniſche Fertigkeit weiter getrieben wurde. Wie ſehr iſt ſeitdem die Zahl dieſer Schulen gewachſen, und hat ſich der Kreis ihrer Wirkſamkeit erweitert. Den Erfolg aber, ſofern wir einen ſolchen gewinnen, verdanken wir unſtreitig den Vervollkommnungen auf dem Gebiete der Lehrmethode, der Lehrbücher, der Ausgaben der Claſſiker und ähnlicher Hülfsmittel. In die zweckmäßige Anwendung dieſes Rüſtzeuges für den Unterricht eine bewußte Einheit zu

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