Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
Einzelbild herunterladen

An der Bahre Direktor Kreyſſig's.

Worte der Trauer, geſprochen am 23. December 1879.

Die Lehrer und Schüler der Wöhlerſchule, geehrte Trauerverſammlung, ſtehen betäubt an der Bahre des Mannes, der noch vor acht Tagen lehrend und leitend unter ihnen gewaltet, der erſt am vorigen Dienſtag, in dieſer Stunde, von Schmerzen überwältigt, ſich aus dem Schulgebäude entfernte, um es niemals wieder zu betreten. Welch' einen Verluſt haben wir zu beklagen! Ihr empfindet es vor Allen, Ihr lieben Schüler der oberſten Klaſſe, denen der Vorzug geworden, ſich ſeines belebenden Unterrichts zu erfreuen; weiß ich doch, mit welchem Entzücken Ihr allezeit den Worten dieſes beredten Mundes lauſchtet, der nun für immer verſtummt iſt. Und wenn er Eure Klaſſen betrat, Ihr anderen Schüler, um Eure Fortſchritte zu beobachten, verließ er Euch je, ohne ein fruchtbares, belehrendes Wort in Euren Seelen zurückzulaſſen, ſei es, daß er aus der Fülle ſeines unerſchöpflichen Wiſſens Euch ſpendete, was die Gelegenheit ihm eingab, ſei es, daß er mit ſeinem zwingenden Scharfſinn Euer Denken weckte und den Lernſtoff mit hellem Lichte durchdrang? Sein ganzes Weſen war geiſtige Anregung, denn ſein Weſen war regſtes Geiſtesleben. Und wie er in ſeinen Schriften auf tauſende und abertauſende unter den Gebildeten der Nation befruchtend wirkte, wie ſeine wiſſenſchaftlichen Vorträge eines gewaltigen Eindrucks nie ver⸗ fehlten, ſo übte ſein Wort auch im Kreiſe ſeiner Amtsgenoſſen, bei jeder Berathung, in jedem Zwiegeſpräch, ſeine überzeugende Kraft, ſeinen Zauber aus, und ich trage kein Bedenken, es aus⸗ zuſprechen: wir huldigten insgeſammt ſeiner Ueberlegenheit, wie nur jemals Jünger ihren Meiſter anerkannt haben. Dabei vermochten die hohen, geiſtigen Intereſſen, die ihn beſchäftigten, die Stimme ſeines Herzens nicht zu erſticken, und er widmete dem Wohl und Wehe der ihm Naheſtehenden ein inniges Mitgefühl. Ich kann es nicht vergeſſen, daß der Inhalt des letzten Geſpräches mit ihm, das mir am Vorabende ſeines Todestages vergönnt war, zwei Werke des Wohlthuns betraf, die er ſich für die freiere Ferienzeit vorbehalten hatte, daß unter den Schatten des Todes, die ſich über ihn breiteten, die Intereſſen der Nächſtenliebe vor allen andern Intereſſen ſeines reichen Geiſtes in ihm lebendig blieben.

So war der Mann, der vor kaum 9 Jahren dazu berufen worden war, unſere Schule

nicht nur zu leiten, nein, ſie zu ſchaffen, und der mit dem klaren Blicke, womit er die fertige 6