Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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Die voranſtehenden Hauptſätze des Materialismus ſind von den Vertretern dieſer Richtung nicht bewieſen worden. Die bedeutendſten Vertreter der auf dieſen Vorausſetzungen baſirenden Naturwiſſenſchaft ſind auch keineswegs der Anſicht, daß ſie jemals werden zu beweiſen ſein. Viel⸗ mehr geben ſie ohne weiteres zu, daß zum mindeſten an zwei Stellen der Forſchung ein apodik⸗ tiſches Halt zugerufen werde.Wir ſind nicht im Stande die Atome zu begreifen, und wir vermögen nicht aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringſte Erſcheinung des Bewußtſeins zu er⸗ klären. Ja, unſer ganzes Naturerkennen iſt in Wahrheit noch kein Erkennen, ſondern nur das Sur⸗ rogat einer Erklärung(wir ſchauen jetzt durch einen Spiegel in ein Räthſel I. Cor. 13, 12.), und das Naturerkennen enthüllt uns, nach ſeinem eignen Principe fortgeſetzt, ſeine eigene Unzu⸗ länglichkeit und ſetzt ſich ſelbſt eine Grenze ¹). Damit iſt aber zugleich zugeſtanden, daß es unmöglich iſt den Beweis für dieRichtigkeit jener Vorausſetzung zu liefern, daß nurphyſikaliſche und chemiſche Kräfte bei der Entwicklung der Welt thätig ſeien²).Von der todten, ſtummen und ſchweigenden Welt der Atome wiſſen wir nichts, als daß ſie eine nothwendige Vorſtellung für uns iſt, inſofern wir den Cauſalzuſammenhang der Er⸗ ſcheinungen in wiſſenſchaftlicher Weiſe darſtellen wollen. Da wir aber auf Einem Punkte geſehen haben, daß dieſe nothwendige Vorſtellung nicht das Gegebene, nämlich unſere Empfindungen, ſon⸗ dern nur eine gewiſſe Ordnung im Entſtehen und Vergehen derſelben erklärt, ſo müſſen wir ein⸗ ſehen, daß dieſe Vorſtellung nach ihrer ganzen Natur und ihren nothwendigen Principien nicht geeignet iſt, uns das letzte und innerſte Weſen der Dinge zu enthüllen).

Bei dieſer von den beſonneneren unter den Materialiſten ſelbſt zugeſtandenen Unzulänglich⸗ keit ihrer Anſchauungen behufs Conſtruction einer in ſich harmoniſchen und den ganzen Menſchen befriedigenden Lebensanſchauung nach denſelben Principien, bleibt aber dem einzelnen nur eine doppelte Möglichkeit:Entweder er beruhigt ſich mit dem Ergebniſſe, daß unſer Wiſſen ſeine be⸗ ſtimmte Grenze habe und nichts Sicheres weder über die Natur noch über den Geiſt ausſagen könne und macht ſich weiter keine Gedanken darüber, oder er ſucht ſich das fehlende Wiſſen zu ergänzen durch ein Glauben. Jede ſolche Ergänzung, ſo lange ſie den Geſetzen des Denkens nicht widerſpricht, hat vom Standpunkte der Naturwiſſen⸗ ſchaft ſo viel Recht wie die andere. Sie kann niemand wehren, über die Dinge, welche ſie nicht wiſſen kann, zu glauben, was ſie will. Und ſo läßt ſie in unſerem Falle jedem freie Hand zu glauben, daß die Welt nur aus den Kräften der Materie ſich ſelbſt aufgebaut habe und daß es keine von der Welt unabhängige Kraft, keinen Geiſt gebe, oder auch zu glauben, daß bei der Entwicklung der Welt noch andere als materielle Urſachen mitgewirkt haben und daß der Geiſt etwas weſentlich von der Materie Verſchiedenes und nicht etwas von ihr Erzeugtes ſei).

Mag es dem einzelnen Manne möglich ſein ſich auf dem Wege der Abſtraction vor den ſittlichen Conſequenzen des Materialismus zu bewahren: für die Schule und für die Geſſellſchaft, die ein gutes Recht an die Schule hat und die Erziehung ihrer Jugend nicht von Hypotheſen

¹) Du⸗Bois Reymond bei Lange a. a. O. II. 150. ²) Pfaff a. a. O. 97.

³) Lange II. 162.

) Pfaff ebend.

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