Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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es an dieſer Stelle geboten, doch auch in Kürze auf eine jener von außen drohenden, wenigſtens in das Innerſte der Schule, in ihre Geſetzgebung noch nicht eingedrungenen Gefahren einzugehen, mit deren Bekämpfung jeder Unterricht, am erſten und entſchiedenſten aber der Religionsunter⸗ richt zu thun hat.

Es ſteht ja heute der chriſtlichen Lebensanſchauung factiſch eine andere Lebensanſchauung feindlich gegenüber, und wenn dieſelbe auch noch nicht zu ſyſtematiſcher Ausgeſtaltung einer ihren Lehrſätzen entſprechenden Moral gelangt iſt, ſondern ſich mehr noch in dem Stadium der Dogmen bildung befindet daher ſie ſich mit VorliebeWeltanſchauung, nichtLebensanſchauung nennt ſo ſind doch die praktiſchen Conſequenzen jener Dogmen für den täglichen Gebrauch ſo allge⸗ mein bekannt und in ihrer Anwendung ſo weit verbreitet, daß man wohl ſagen darf: Unſere Zeit arbeitet auf völlig neue Anſchauungen, nicht blos von der Welt, ſondern auch von gut und böſe, von den Beziehungen innerhalb der Familie, der Geſellſchaft, des Staates hinaus. Darf die Schule vor ſolcher Gefahr die Augen verſchließen?

Ich meine hier die materialiſtiſche Lebensanſchauung. Die Grundzüge des Materialis⸗ mus ¹) laſſen ſich kurz in folgenden Sätzen ausſprechen: Wirklich iſt nur die Materie; was bis⸗ her Geiſt genannt wurde, iſt bloße Erſcheinungsform der Materie, die durch der Materie reſp. den Atomen derſelben inhärirende Kräfte zu Stande kommt; Geſetze ſind nichts anderes als auf rein mechaniſchen Urſachen ruhende Vorgänge; Zwecke exiſtiren nicht; das mechaniſche Cauſalitäts⸗ verhältniß genügt zur Erklärung aller Erſcheinungen; die ganze Welt iſt auf dieſe Weiſe erklär bar. Aus unorganiſchen Stoffen ſind durch phyſikaliſch⸗chemiſche Geſetze die einfachſten Organis⸗ men entſtanden, aus dieſen durch weitere mechaniſche Cauſalitäten die höheren, zuletzt der Menſch. Wird auf dieſem Wege einerſeits die Exiſtenz eines bewußten zweckſetzenden oberſten Weſens be⸗ deutungslos und ſomit hinfällig, ſo fällt damit andrerſeits auch aller objective Gehalt der Sitt⸗ lichkeit, fällt das Gewiſſen in ſeiner normativen Bedeutung. Damit tritt aber unabweisbar an Stelle des bisherigen Gegenſatzes vongut und böſe der Gegenſatz vonSchmerz und Luſt in die Rechte der oberſten Geſetzgebung. Achtung und Liebe dürfen nur ſo lange beſtimmende Mächte im Menſchenleben ſein, als nicht der individuelle Nutzen durch dieſelben bedroht und beeinträch⸗ tigt wird. Wie das Sittengeſetz ſchwindet aber auch alle Verantwortlichkeit für die eigenen Hand⸗ lungen, da ja jede ſcheinbare Willensregung nichts anderes iſt als eine nach unerbittlich noth⸗ wendigen phyſikaliſch⸗chemiſchen Geſetzen ſich vollziehende Function der Gehirnganglien. So complicirt man ſich auch die Handlungen eines Culturmenſchen hinſichtlich ihrer unmittelbaren und mittelbaren Urſachen vorſtellen mag, indem Erziehung und Unterricht mit in den Zuſammenhang der wir⸗ kenden Kräfte aufgenommen werden: wenn in allen Einzelfactoren der Gehalt an Willensfreiheit abſolut gleich Null iſt, ſo kann auch das Zuſammentreffen der denkbar größten Maſſe von Fac⸗ toren und die denkbar höchſte Potenzierung jedes einzelnen für das Product der Geſammtwirkung an der Größe des Freiheitsgehalts nicht das Mindeſte ändern. Der Menſch bleibt ebenſo unfrei in allem ſeinem Thun und Laſſen, wie die Pflanze in ihrem Wachſen, Blühen und Verblühen.

¹) Vgl. F. A. Lange, Geſchichte des Materialismus 2. Aufl. Zollmann, Bibel und Natur in der Harmonie ihrer Offenbarung, 3. Aufl. Ebrard Apologetik I. 2. Aufl. Pfaff, Vorträge IV.