Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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ihre Verſöhnung. Denn ausgehend von dem tiefſten Gegenſatze göttlicher Heiligkeit und menſch⸗ licher Sünde und der Ueberwindung dieſes Gegenſatzes in dem Kreuzestode des Erlöſers, wird die Liebe nun zum Grundgeſetze eines neuen Lebens erhoben, das alle Zeiten und alle Völker, alle Stände und Bildungsgrade umfaſſend, eine neue Welt des Friedens ſchafft und alle die lei⸗ digen Härten des Erdenlebens zu überwinden ſtrebt. So bildet die chriſtliche Idee die Grundlage der wahren Humanität. Iſt ſie in ihrer menſchlichen Auffaſſung nicht frei von Trübungen geblieben: ſie hat das Gericht der Geſchichte beſtanden, die Controle der Wiſſenſchaft zweier Jahrtauſende ertragen, und ſie hat dadurch an der Fähigkeit nichts eingebüßt von Klarheit zu Klarheit zu ge⸗ langen. Ob die Bildung der Jugend von dieſer Idee geleitet wird oder nicht, daran muß der Geſellſchaft, muß der Familie, die denn doch eine chriſtliche iſt oder wenigſtens ſein will, außer⸗ ordentlich viel gelegen ſein. Man kann ſich ja von der chriſtlichen Lebensanſchauung grundſätzlich losſagen, kann dieſelbe bekämpfen; dann wird man aber vor allem ſelbſt der Wahrheit die Ehre geben und aus der chriſtlichen Kirchengemeinſchaft austreten, ſodann aber auch nach einem Aequi⸗ valent für die aufgegebene Lebensanſchauung ſich umſehen müſſen. So lange ſich aber die Geſell⸗ ſchaft nicht in offenen Widerſpruch mit der Idee des Chriſtenthums geſetzt hat, muß ſie auch für die Bildung ihrer Jugend bei der bewährten Grundlage bleiben. Daß die Schule Staatsanſtalt i*ſt, ſtreitet damit durchaus nicht, denn der Staat kann ſeinem Weſen nach kein Aequivalent bieten. Er iſt ja weder auf wiſſenſchaftlichem noch auf pädagogiſchem noch auch auf religiöſem Gebiete productiv. Ihm liegt der Schule gegenüber nichts anderes ob, als im Zuſammenhange mit dem vorwärtsſchreitenden Culturleben und mit den bewährten Grundſätzen der Pädagogik die Lehrziele zu normiren und die Lehr⸗ und Erziehungsweiſe zu überwachen; und auch dabei verfährt er ſelbſt nur anregend und regulirend und bedient ſich zur Herſtellung des unmittelbaren Zuſammenhangs ſeiner Ziele mit denjenigen der Schule überall aus der Schule ſelbſt entliehener Organe. Ja, für den Staat iſt es von großem Intereſſe, daß der Religion ihre Stellung in der höheren Schule gewahrt bleibe; denn er muß auf eine umfaſſende Bildung ſeiner höheren Stände großes Ge⸗ wicht legen. Wenn nun die Schule zwar in den Sprachen, der Geſchichte und Literatur alter und neuer Zeit, in Mathematik und Naturwiſſenſchaften unterrichtete, die Religion aber ganz bei Seite liegen ließe: müßten die aus ſolchen Schulen hervorgehenden Männer nicht den brennendſten Fragen der Gegenwart entweder ganz unwiſſend und unverſtändig gegenüberſtehen, oder falls der Religions⸗ unterricht außerhalb der Schule von der Kirche ertheilt würde dieſe Fragen außer allem Zu⸗ ſammenhang mit den übrigen Geiſtesintereſſen auffaſſen und beurtheilen? Dadurch aber würde zugleich dem Staat eine ſeiner höchſten Aufgaben: das geſammte Culturleben des Volkes in har⸗ moniſcher Entwicklung zu erhalten, außerordentich erſchwert, ja auf die Dauer die Löſung dieſer Aufgabe geradezu unmöglich gemacht werden, indem den Organen des öffentlichen Lebens die Fähigkeit immer mehr abhanden kommen müßte, die Bedeutung der religiöſen Intereſſen unbe⸗ fangen zu würdigen.

In dem Vorſtehenden iſt dem Religionsunterricht eine große Bedeutung zugeſchrieben worden. Indem er dieſen Anſpruch erhebt, muß er ſich zugleich die Fähigkeit zutrauen, große Schwierig⸗ keiten zu überwinden, Schwierigkeiten, die ihm ſowohl innerhalb der Schule als auch von außen

entgegentreten. Soll von den erſteren in dem zweiten Theile dieſer Arbeit die Rede ſein, ſo ſcheint 4