Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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Das Verlangen nach verſtandesgemäßer Geſtaltung des ganzen Lebens, dem auf pädagogiſchem Gebiete zuerſt Locke(1632 1704) und Rouſſeau(1712 1778) Ausdruck gegeben hatten, machte ſich ſeit der Mitte des XVIII. Jahrhunderts auch in den Schulen Deutſchlands geltend.Die Päda⸗ gogik gab den Zuſammenhang mit der Religion auf, ſie wurde ein Theil der Ethik. Damit ging ſie aber zugleich einen Bund mit der durch Kant(1724 1804) erneuerten Philoſophie ein. An die Stelle des pietiſtiſchen Drängens auf Bekehrung trat der kategoriſche Imperativ: Du ſollſt gut ſein, ſollſt ſo handeln, daß die Maxime deines Wollens den Werth eines allgemeinen Prinzips hat. Die ſüßliche Gefühlsſeligkeit, die im Bewußtſein gänzlicher Ohnmacht ſchwelgte, wich dem ernſten Streben nach gewiſſenhafter Benutzung der von Gott verliehenen Kräfte. Während der ſittliche Idealismus Kants vielen, und nicht den ſchlechteſten, Söhnen des deutſchen Volkes die Religion erſetzen mußte, für die ſie ſich nicht mehr zu erwärmen vermochten, war auch von theologiſcher Seite der Verſuch gemacht worden, den Inhalt des Chriſtenthums nach dem Maßſtab des ſouve⸗ ränen Verſtandes umzugeſtalten: Rationalismus. Alles Wunderbare, alles Myſtiſche, wurde grundſätzlich ausgewieſen, nur das Praktiſche, Moraliſche erſchien beachtenswerth; Jeſus und ſeine Apoſtel warenLehrer der reinen Moral. Die Bedürfniſſe des frommen Gemüthes wurden verkannt, der Menſch einſeitig als Intellect aufgefaßt. Daher verlor ſich der Sinn für Geſchichte. Was ſoll dem glücklichen Kinde des Aufklärungszeitalters die Geſchichte vergangener finſtrer Jahrhunderte? Es freut ſich, von der Solidarität mit vergangenen Geſchlechtern, wie ſie die Lehre von der Erbſünde vorausſetzte, losgeſprochen zu ſein. Semler(1725 1791) fand im alten Teſtamente nichts bleibend Wahres, im neuen Teſtamente nur dasjenige beachtenswerth, was zur moraliſchen Ausbeſſerung dient. Die bibliſche Geſchichte wurde im Unterrichte zum bloßen Tugendſpiegel degradirt. Ebenſo verlor ſich der Sinn für Poeſie. Jedes Bild der bibliſchen Sprache wurde unter das Secirmeſſer einer verſtandesgemäßen Erklärung gebracht. In formeller Hinſicht machte der katechetiſche Unterricht einen entſchiedenen Fortſchritt durch Einführung der entwickelnden Frage, der ſogenanntenSocratik. Aber man überſpannte den Bogen und gerieth in die nämliche Einſeitigkeit wie der Pietismus mit ſeinem Drängen auf ſubjective Aneignung des Chriſtenthums, da man von dem Subject verlangte, daß es den geſammten Lehrſtoff aus ſich ſelbſt erzeuge. Der Bruch mit der Tradition trat auch im katechetiſchen Unterricht in der Erſetzung des Katechismus durch ein ſyſtematiſches Lehrgebäude zu Tage. In demſelben figurirten an Stelle der Glaubensſätze Definitionen zum Auswendiglernen, die gleicherweiſe für Chriſten, Juden und Muhamedaner paſſen ſollten, allen aber auch gleicherweiſe trocken und langweilig erſcheinen mußten. So insbeſondere bei Baſedow(1723 1790), der die pädagogiſche Vermittlung zwiſchen der philoſophiſchen und der theologiſchen Aufklärung darſtellte. Um ganz ſyſtematiſch zu Werke zu gehen, wollte er zu allererſt die Kinder ihrer Seelenkräfte ſich bewußt werden laſſen, alle reli giöſen Lehren erſt vernünftig warſcheinlich, dann moraliſch gewiß machen; darauf ſollte der Unter⸗ richt in der natürlichen Religion dem in der chriſtlichen vorausgehen.

So zeigt ſich auch auf dem Gebiete des Religionsunterrichts der große Umſchwung, der ſich bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in der gebildeten Welt vollzogen hatte.Der Zu⸗ ſammenhang unmittelbar überlieferter Ueberzeugungen im Kirchlichen wie im Volksthümlichen wurde mehr und mehr zerriſſen. Wenn die Folgen hiervon zur Zeit des Pietismus und des