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Rationalismus in Deutſchland noch nicht ſtärker hervortraten, ſo war das der Tradition„der alten, auch wohl altväteriſch geheißenen einfachen und ſtrengen Sitte des deutſchen Familienlebens zuzuſchreiben.“
Wenn der Orthodoxismus, der(ſpätere) Pietismus und der Rationalismus drei verſchiedene Einſeitigkeiten in der Auffaſſung und Behandlung des Menſchen darſtellen, ſo wandte ſich in Peſtalozzi(1746—1827) die Pädagogik wieder dem ganzen Menſchen zu. Freilich muß bei ihm zwiſchen Wollen und Können gar ſehr unterſchieden werden. Sagt er doch ſelbſt von ſeiner Jugendzeit, die ein Vorbild ſeines ganzen ſpäteren Lebens iſt:„Mein Wille, einige Erkenntniß⸗ gegenſtände, die mein Herz und meine Einbildungskraft ergriffen, ausüben zu wollen, ob ich gleich die Mittel, ſie praktiſch ausüben zu können, vernachläſſigte, war in mir ſelbſt enthuſiaſtiſch belebt.“ Und über ihn ſagt ſein Biograph Blochmann:„Nicht das Buch, nein das Leben, das von ihm ausſtrömte, bildete das Leben ſeiner Kinder; der Geiſt, der ihm aus Blick und Mienen quoll, weckte ihren ſchlummernden Geiſt; die Hingebung und Treue, mit der er ſie befragte, öff⸗ nete ihr verſchloſſenes Herz. Er ſelbſt mit ſeinem Vaterſinn und ſeiner Muttertreue war die Methode.“ Selbſt eine durch und durch religiöſe Natur, gieng er in ſeiner ganzen Thätigkeit von der religiöſen Anlage des Menſchen aus, und Ziel des Unterrichts war ihm,„daß der Schüler die Wahrheit und das Ewige in ſeinem Urſprung ergreife, ſich und das Menſchengeſchlecht we⸗ ſentlich religiös in's Auge faſſe und als ein organiſch und nach nothwendigen Geſetzen ſich ent— wickelndes Ganze oder als religiöſe Natur anſchaue.“(Vgl. Niederer's Bericht bei Raumer a. a. O.) Durch die Sinne zum Herzen und durch's Herz zur Vernunft, das iſt der Weg, auf welchem alle erziehlichen Einflüſſe ſich geltend machen müſſen, wie auf dem Schooße der Mutter, wie in der Kinderſtube, ſo in der Schule: nur ſo wird eine harmoniſche, eine religiöſe Bildung erzielt.
Aber der Anſatz zur Beſſerung, der in Peſtalozzi gegeben war, erlebte keine Weiterent— wicklung, wie er ſie verhieß.„Auf die Morgenröthe einer religiöſen Erneurung in der Zeit der Befreiungskriege folgte kein ſonniger Tag; er verdunkelte ſich bald von neuem. Die mächtig an⸗ geregte religiöſe Empfänglichkeit verflog bei vielen in ihrer Vereinzelung oder ging in Mißbil⸗ dung über.“ Das Volksleben wurde durch die politiſche Entwicklung Deutſchlands bis in ſeine unterſten Schichten mächtig erregt. Vertreter der Naturwiſſenſchaften einer- und der Philoſophie andrerſeits richteten gegen das Chriſtenthum ein anhaltendes Kreuzfeuer, und ſo entſtand auch auf dem Gebiete des Unterrichts und der Erziehung, ſpeciell über die Frage des Religionsunter⸗ richts, eine heftige Polemik. Die pädagogiſchen Erwägungen konnten unter dem lauten Getümmel dieſes Streites lange Zeit nicht zum Worte kommen. So konnte es geſchehen, daß die Berechti— gung der Religion als eines Unterrichtsgegenſtandes in Frage geſtellt wurde, daß der Verſuch „ohne das Chriſtenthum fertig zu werden, die Sittlichkeit auf Naturforderungen, Erkenntniß und Uebereinkunft zu gründen,“ der auf anderen Gebieten bereits gemacht wird, auch auf dem Gebiete der Schule ſich Geltung zu verſchaffen ſuchte.
Wir ſtehen noch immer inmitten dieſer lebhaften Debatte. Gerade darum vermeide ich es, in dieſem geſchichtlichen Ueberblicke auf die einzelnen Stadien dieſer wichtigen neueſten Entwicklung näher einzugehen. Denn in den Kämpfen, welche dieſe Entwicklung, insbeſondere die des preußi— ſchen Schulweſens, begleiten, zeigt ſich der pädagogiſche Factor mit zahlreichen anderen Factoren


