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Geſänge begleiten hier zuerſt die Erzählungen. Aber die vereinzelten Stimmen ſolcher Männer ver⸗ hallten in dem rohen Waffenlärm des dreißigjährigen Krieges; nur die Schulordnung, mit welcher der treffliche Erneſtiner, Herzog Ernſt der Fromme von Gotha mitten unter den Gräueln des Krieges ſein Land beſchenkte(1642), organiſirte auch den Religionsunterricht nach den neuen Principien.
Aus der Gothaiſchen Schule ging der bedeutendſte Pädagoge des Pietismus, A. H. Franke (1663— 1727) hervor. Spener(1635— 1705), der Vater dieſer neuen Richtung, hatte die Fröm⸗ migkeit über die Rechtgläubigkeit erhoben, das Evangelium wieder an die Stelle der Dogmatik geſetzt. Er faßte die Religion wieder als Leben, den Glauben als die perſönliche Aneignung des Göttlichen und ſah die Bedeutung deſſelben erſt in der Bewährung des aus Gott gewonnenen Lebens in der ſittlichen Einheit alles Thuns und Leidens erfüllt. Bei dieſer individualiſirenden Tendenz des Pietismus mußte auch die pädagogiſche Thätigkeit einen neuen Aufſchwung nehmen. Spotteten doch die Dresdener über Spener, der Kurfürſt habe einen Hofprediger geſucht und einen Schulmeiſter erhalten. In der That war bei ihm die ſchulmeiſterliche Thätigkeit mit der kirchlichen durchaus verwachſen: er hielt ſeine Katechiſationen in der Kirche mit Kindern und Erwachſenen zugleich; er bewirkte die allgemeine Einführung der Confirmation; er wollte, daß in der Schule die Jugend„in der Ueberwindung des eignen Willens und in der Verleugnung ihrer ſelbſt als vornehmen Lectionen“ geübt werden. Somit wurde das erbauliche Element in den Vordergrund des Schulunterrichts geſtellt, und im weiteren Verlaufe der pietiſtiſchen Be— wegung trat die Gefahr einer Vereinſeitigung des Religionsunterrichts, die durch die charakter— volle Perſönlichkeit Speners und den weiten Horizont ſeines Geiſteslebens fern geblieben waren, immer ſtärker zu Tage. Der Unterricht ging mehr und mehr darauf aus, durch unmittelbare ſeel— ſorgerliche Bemühung die Bekehrung zu erzwingen, und die„Gewiſſensfrage“ bewies, wie weit der Pietismus von dem der jugendlichen Natur Gemäßen ſich verirrt hatte. Wenn„die Angſt des Subjects um ſein Seelenheil, die reuevolle Zerknirſchung des Gemüths über ſeine Sündhaf— tigkeit als das Grundweſentliche der Religion“ angeſehen wurde, und wenn dieſes Gefühl auch durch das Bewußtſein der Erlöſung nicht aufgehoben werden ſollte,„als bloßes Moment in der Dialectik des religiöſen Gemüthsproceſſes“— vielmehr beſtändig bleiben und eine asccetiſche Sitt⸗ lichkeit hervorrufen ſollte: ſo glaubte die Schule nichts verſäumen zu dürfen,„den Begriff der Sünde auch auf die Unarten und Thorheiten des Kindesalters auszudehnen. Jede Benutzung der natürlichen Ehrliebe als Sporn des Willens galt für verwerflich, die Bekehrung ſollte in be— ſtimmter Form zur Erſcheinung kommen, und jugendliche Fröhlichkeit war ein ſicheres Zeichen, daß die Bekehrung nicht vorhanden.“— Auch in formeller Beziehung gerieth der Religionsunter⸗ richt auf den verkehrten Weg: das von Spener eingeführte Schema der logiſchen Zergliederung des katechetiſchen Stoffes in Form von Tabellen, das bei ihm keinen anderen Zweck hatte als Freimachung des Unterrichts vom gedruckten Worte, führte zu einer neuen Scholaſtik; die Be⸗ tonung der Bibelſprüche im Gegenſatz zu den Definitionen der Dogmatiker zu neuer Gedächtniß⸗ belaſtung— brachten es doch Spruchſammlungen bis auf 9000 Sprüche!— und indem man ſo das ſpecifiſch Religiöſe methodiſtiſch von Außen erzeugen wollte, ſo zerſtörte man vielfach gerade die Scheu vor dem Heiligen und damit die kindliche Einfalt. Damit aber lenkte der Pietismus geradewegs in die Bahnen des Rationalismus ein.


