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geworden. Daher fordert Luther, daß„in hohen und niederen Schulen die heilige Schrift die fürnehmſte und gemeinſte Lection ſei¹)“, und ſo hoch er die Sprachſtudien um ihrer formal— bildenden Kraft willen ſchätzt, ſo ſetzt er als höchſten Zweck derſelben doch die Vertiefung des Bibelverſtändniſſes?). Um von bloßer äußerlicher Kenntniß zum Verſtändniſſe zu führen, betonte er zuerſt die Bedeutung der katechetiſchen Frage und gab in ſeinen Katechismen concrete Muſter für Schüler und Lehrer. Wie er aber mit ſeiner ganzen Thätigkeit in den ſchönſten Beſtrebungen der Vorzeit wurzelt, z. B. ſeinen Kleinen Katechismus nach dem Vorbilde des Katechismus der böhmiſchen Brüder abfaßte, ſo betont er, und mit ihm der præceptor Germaniæ zuerſt wieder die ſeit Auguſtin(† 430) vernachläſſigte hiſtoriſche Grundlage der religiöſen Unterweiſung und ſetzte die bibliſche Geſchichte in ihre Rechte ein. Wenn der ſächſiſche Schulplan für höhere Schulen und ähnlich der würtembergiſche(von Brenz) dem Religionsunterrichte nur einen ſehr beſchränkten Raum anwies, ſo erklärt ſich das aus der Zuverſicht, mit der die Reformatoren das Meiſte und Beſte von dem religiöſen Geiſt und der Zucht der Schule erwarten konnten, insbe⸗ ſondere auch daraus, daß in anderen Unterrichtsſtunden, z. B. Dialektik, Styliſtik, religiöſe Stoffe behandelt wurden, da ja alle Unterrichtsgegenſtände als ancillæ et famuli pietatis betrachtet wurden.
In der Zeit des Orthodoxismus der theologiſchen Polemik und des dreißigjähri⸗ gen Krieges kam in dieſen erfreulichen Aufſchwung einer methodiſchen Behandlung des Religions⸗ unterrichts ein trauriger Stillſtand und Rückgang. Als höchſtes Ziel alles Unterrichts erſchien ein correctes kirchliches Bekenntniß aller in vollſtändiger Uniformität. Daher wurde vor allem das Theologiſche und Dogmatiſche des Chriſtenthums äußerlich eingeprägt; für das Individuum und ſeine Bedürfniſſe ging alles Intereſſe verloren. Der Menſch erſcheint ja als ein todter Klotz, der nach orthodoxem Richtſcheit behauen werden muß. So wurde aus der Erziehung ein Mecha⸗ nismus, eine Dreſſur. Dazu widerhallten die Schulſtuben wie die Kirchen von dem confeſſip⸗ nellen Parteigezänke, und„die Schule hörte auf ein neutraler Boden zu ſein.“ Gerade dadurch aber wurde in den Köpfen tüchtiger Pädagogen die Sehnſucht nach einer freieren Stellung der Schule zur Kirche geweckt und zugleich die Frage nach den praktiſchen Bedürfniſſen des Lebens näher gerückt. So machte ſich der Einfluß Bacons(1561— 1626), des„Stammvaters der rea⸗ liſtiſchen Unterrichtsprincipien“ in den Forderungen bemerkbar, die Ratich(1571— 1635) und Comenius(1592—1671) aufſtellten. Naturgemäßheit des Unterrichts war das For⸗ malprincip in den pädagogiſchen Beſtrebungen dieſer Männer, und wie der letztere, der große Biſchof der böhmiſchen Brüder, den in jeder Menſchenſeele ſchlummernden„Samen des Wiſſens, der Tugend, der Frömmigkeit durch Beten, Lernen, Ueben“ geweckt wiſſen wollte, ſo drang Ratich, der Methodenſchwärmer, auf Einſetzung der Mutterſprache in ihre Rechte als allgemeine Schul⸗ ſprache. Eine praktiſche Anwendung von dieſen neuen Grundſätzen machte Juſtus Geſenius, „der eigentliche Begründer der bibliſchen Geſchichte,“ in dem er auf die große Empfänglichkeit des kindlichen Gemüthes für die anſchauliche Behandlung dieſer Materie hinwies. Bilder und
¹) An den chriſtlichen Adel deutſcher Nation. ²) An die Bürgermeiſter und Rathsherrn ꝛc.


