Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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gerade durch jenen Aufſchwung und jenes Uebermaß von Production gehemmt und verhin⸗ dert wurde, ſo hat das ſociale und wirthſchaftliche Leben heftige Krankheitserſcheinungen aufzu⸗ weiſen. Dieſer Vergleich iſt geeignet, das Mißverhältniß auf dem wiſſenſchaftlichen Gebiete auch noch von einer anderen Seite zu beleuchten. Es gerathen nämlich gleicherweiſe die Vertreter des grundſätzlichen Fortſchritts auf dem wiſſenſchaftlichen wie auf dem ſocialen Gebiete, gerade im Gefühle des Unbefriedigtſeins über jenes Mißverhältniß, leicht in ein radicales Verfahren hin⸗ ein, indem ſie allem angeblichen Stillſtand, in der That aller das Neue nur langſam aſſimili⸗ renden Geiſtesarbeit alle und jede Berechtigung abſprechen und ſich aller ferneren Berückſichtigung derſelben entheben. Wie der Socialismus der Geſellſchaft und dem Staate in ihrer heutigen Ge⸗ ſtalt, ſo erklärt der radicale Materialismus aller Philoſophie und Theologie den Vernichtungs⸗ krieg und verlangt ein grundſätzliches Brechen mit der Vergangenheit.

Wie überall ſo müßte auch auf dem Gebiete der Erziehung ein ſolcher Bruch ſehr ver⸗ derbliche Folgen haben, denn er widerſpricht dem Grundgeſetze alles organiſchen Werdens und Wachſens. Mit vollem Rechte ſagt Schrader¹):Der Geiſt eines Menſchen und mehr noch eines Geſchlechts wächſt langſam und allgemach; gewaltſame Umſchläge ſind hier immer ein be⸗ denkliches Zeichen, wo nicht ein Unglück geweſen. Aber der Geiſt wächſt und entfaltet ſich in der Thatz alſo würde Unrecht und Unnatur ſein, wenn man die Bewegung ſchlecht⸗ hin von unſeren Schulen fern halten wollte, nur daß ſie überall in vorſichtiger Um⸗ ſchau den wahren Bedürfniſſen und inneren Lebenstrieben derſelben entſprechen ſoll.

Iſt ſonach für eine geſunde Weiterentwicklung das Feſthalten des Zuſammenhangs mit der Vergangenheit von größter Wichtigkeit, und erſcheint damit die Geſchichte der Erziehung als eine unentbehrliche Lehrmeiſterin für die Beurtheilung der pädagogiſchen Fragen der Gegen⸗ wart: ſo wird auch die richtige Stellung zur Beurtheilung des hier zu behandelnden Gegen⸗ ſtandes nur auf dem Wege einer kurzen hiſtoriſchen Betrachtung des Religionsunterrichts zu ge winnen ſein.

2. Geſchichtliche Entwicklung des evangeliſchen Religionsunterrichts.

Ich ſehe von dem chriſtlichen Alterthume und Mittelalter als für ſchulmäßige Behandlung der Religion(für Kinder) faſt ganz unfruchtbaren Zeiträumen ab und beginne, zumal es ſich hier nur um evangeliſchen Religionsunterricht handelt, mit dem XVI. Jahrhundert*).

Eine allgemeine planmäßige Jugend- und Volksbildung auf chriſtlicher Grundlage war das hohe Ideal, an deſſen Erreichung die Männer der Reformation ihre ganze Kraft ſetzten. Als Hauptmittel zur Erreichung dieſes Zieles galt ihnen die Bibel; aber im Zuſammenhange mit der Blüthe des Humanismus, unter deſſen Vertretern ſie ſelbſt hervorragten, war ihnen zu⸗ gleich die Bedeutung alles Unterrichts als einer Kunſt, die methodiſch betrieben ſein will, klar

¹) Die Verfaſſung der höheren Schulen. Berlin 1879. Vorrede VIII. ²) Für das Folgende vergl. Schmid's und Raumer's Geſchichten der Pädagogik, Palmer's Katechetik, Schumann's Geſchichte des Katechismusunterrichts, Wieſe, Bildung des Willens. 3