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machen. Man mag es vielleicht vom„allgemein menſchlichen“ Standpunkte aus bedenklich finden, daß im Heeresdienſte unbedingte Subordination verlangt wird, und im Intereſſe der Mannesehre und Selbſtverantwortlichkeit wird gegen dieſe militäriſche Forderung mancherlei ſich einwenden laſſen. Der Militär wird demgegenüber jedoch mit vollem Rechte auf einer rein militäriſchen Beurtheilung der Frage beſtehen und betonen, daß die Leiſtungsfähigkeit des Heeres eben im letzten Grunde nur auf der Gewöhnung Aller an unbedingten Gehorſam beruht; jede andersartige Betrachtung der Frage von einem außerhalb der Sache liegenden Standpunkte aus wird er als für ihn nichts bedeutend zurückweiſen. Wie das Heer, wie die Familie, der Staat, die Kirche, ſo ſoll auch die Schule ein in ſich abgeſchloſſener, einheitlich organiſirter Lebenskreis ſein, und die ihre Einrichtung bedingenden Geſetze müſſen vom Weſen und Zweck der Schule ſelbſt ausgehen und dürfen nicht von einem anderen, an und für ſich nicht minder berechtigten Lebenskreiſe aus be⸗ herrſcht oder bevormundet werden. In der Schule, ſofern dieſelbe allgemeine Bildungs⸗ oder, was dem gleich, Erziehungsanſtalt iſt, arbeitet alle Thätigkeit auf Ein Ziel hin:„Harmoniſche Aus⸗ bildung der individuellen Anlagen und Einführung des Individuums in den Dienſt der Gattung und der in ihr waltenden göttlichen Geſetze.“ Damit iſt ſchon angedeutet, daß nicht das Intereſſe irgend eines anderen Lebenskreiſes unmittelbar maßgebend für die Organiſation der Schule werden darf. Wo es trotzdem geſchieht, wird ſolche Bevormundung in der Schule ſofort als ein ungerechter Druck empfunden, der ſtörend auf ihre organiſche Thätigkeit wirken muß. Damit iſt aber keines⸗ wegs geſagt, daß die Schule mit dem in Staat und Kirche herrſchenden Geiſte außer Zuſammenhang gerathen oder gar mit demſelben ſich in Widerſpruch ſetzen ſolle. Iſt ja doch das angegebene Ziel aller pädagogiſchen Thätigkeit ein ſeiner Bedeutung nach keineswegs in ſtarrer Unveränderlichkeit verharrendes. Im freien Strome des nationalen, ja des univerſellen Culturlebens, hat alles Menſchliche ſeinen geſchichtlichen Werde⸗ und Wandlungs⸗Proceß zu vollziehen; wie in der materiellen, ſo gilt auch in der geiſtigen Welt das Geſetz des Stoff⸗ wechſels. Aber freilich nicht auf allen Gebieten vollzieht dieſes Geſetz ſich mit gleicher Geſchwindigkeit. Während in der Durchforſchung der Natur in überraſchender Folge ganz neue Gebiete der Er— kenntniß erſchloſſen worden ſind und die hierauf gegründeten Wiſſenſchaften eine große Bereicherung und Umgeſtaltung erfahren haben, ſcheint dem oberflächlichen Betrachter innerhalb der Wiſſenſchaften des Geiſtes ein ſolcher Erweiterungs⸗ und Wandlungs-Proceß gar nicht ſtattgefunden zu haben. Einzelnen unter dieſen Wiſſenſchaften, wie der Philoſophie und Theologie, wird der Vorwurf des Zurückgeblieben⸗ und Veraltet⸗Seins nicht erſpart. Ohne Zweifel iſt wirklich ein ungeſundes Miß⸗ verhältniß zwiſchen den Erfolgen der Wiſſenſchaften der Natur und denjenigen des Geiſtes ein— getreten. Hat doch z. B. gegenüber den außerordentlichen Fortſchritten der Phyſiologie die Pſychologie noch keinen Anſpruch auf den Namen einer Wiſſenſchaft erworben. Sicherlich erſchwert nun eine ſolche Ungleichmäßigkeit in den Fortſchritten auf den beiden Hauptgebieten der Wiſſenſchaften die Verſtändigung über die gemeinſame pädagogiſche Arbeit. Auch das möge eine naheliegende Ver⸗ gleichung erläutern. Eine ähnliche unſymmetriſche Entwickelung weiſt nämlich auch das Gebiet des praktiſchen Lebens auf. Auch da hat in Handel und Induſtrie ein mächtiger Aufſchwung und eine grandioſe Produktion ſtattgefunden, und da die Organiſation der Geſellſchaft, die Hebung des allgemeinen Wohlſtandes und der allgemeinen Bildung nicht gleichen Schritt hielt, ſondern vielfach


