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Anwendung der Induction und der Definition lediglich auf ethiſche Probleme Innerhalb dieſes ethiſchen Gebietes war ihm kein Gegenſtand zu klein und geringfügig, als daß er nicht bei dar⸗ gebotener Gelegenheit ſeine dialektiſche Kunſt daran erprobt und geübt hätte. Außerethiſche Dinge dagegen blieben von dieſer methodiſchen Behandlung unberührt, und erſt Plato war es vorbehalten, die logiſche Kunſt, zu welcher der Meiſter allerdings einen vielverſprechenden Grund gelegt hatte, weſentlich auszubilden, ſofern er erſtens dieſe von Sokrates willkürlich geſetzte Schranke des Stoffs durchbrach und die logiſche Technik auf alle Gebiete des philoſophiſchen Denkens ausdehnte, zweitens aber zu den Methoden der Induction und der Definition noch die der Eintheilung und der Deduction hinzufügte.
Es dürfte ſomit eine unbefangene Prüfung des xenophontiſchen Berichts und die Vergleichung desſelben mit dem, was Plato und Ariſtoteles berichten, zu dem Ergebniß führen, daß, wenn auch Xenophon in der Faſſung der ſokratiſchen Lehre nicht überall die philoſophiſche Durchbildung verräth, welche der Aufgabe, die Sokratik darzuſtellen, entſpricht, doch Xenophon nichts Weſent⸗ liches von dem, was die Bedeutung des Sokrates in der Geſchichte der Philoſophie begründet, uns verſchwiegen hat. Sowohl den Inhalt, als auch die Methode der ſokratiſchen Lehre können wir uns klar machen, wenn wir an der Hand der beiden anderen Berichterſtatter nur den philo⸗ ſophiſchen Ausdruck hier und da an die Selle des unphiloſophiſchen ſetzen. Andererſeits aber kann man ſich nicht verhehlen, daß der Mangel an philoſophiſcher Selbſtthätigkeit, der ſich bei Xenophon offenbart, in gewiſſem Sinne eine Gewähr für die Treue ſeiner Darſtellung bietet. Denn jenes Geſchäft der philoſophiſchen Steigerung der Form bei vorausgeſetzter Richtigkeit des Gedankengehaltes erfordert lange nicht die Vorſicht, wie das entgegengeſetzte, welches uns Plato auferlegt, wenn wir in ſeinem fortgeſchrittenen Syſtem diejenigen Keime aufzeigen wollen, welche er von Sokrates empfangen und weiter ausgebildet hat. So gewiß Plato das von außen Em⸗ pfangene nicht in einfacher und unerweiterter Geſtalt in ſich bewahrte, ſondern mit der ganzen Kraft und Originalität ſeines eigenen ſpeculativen Denkens fortentwickelt hat, ſo gewiß wird man bei Scheidung dieſer beiden Elemente des Ueberlieferten und des Selbſterzeugten auf andere Be⸗ richte recurrieren müſſen, wenn nicht die Unterſuchung in leere und unerwieſene Hypotheſen ver⸗ laufen ſoll. Und in dieſem Sinne mag dem Xenophon der Anſpruch auf dankbare Benutzung un— verkümmert bleiben, den er ſich wie als Biograph des Sokrates, ſo auch als Organ der Sokratik erworben hat.


