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zahlreichen praktiſchen Anwendungen hiervon, die ſich in den Memorabilien befinden, doch auch Xenophon in ziemlich klarer, wenn auch nicht philoſophiſch gefaßter Weiſe, ſo daß ſich die Grund⸗ züge dieſer Methode wohl auch nach ihm erkennen laſſen. Wenn Ariſtoteles die Induction und die Definition als die weſentlichſten Merkmale dieſer Methode bezeichnet, ſo iſt jene von Xenophon ausdrücklich genannt Mem. IV, 6, 13 und 14, wo er dem Sokrates das srxavd⸗εν τν ν⁶νeou⸗ ſchreibt, welches, gleichbedeutend mit dem éerarerr 16* 10 70n, eben die philoſophiſche Thätigkeit be⸗ zeichnet, welche durch eine gründliche Prüfung und möglichſt erſchöpfende Zuſammenfaſſung des Einzelnen die Erkenntuiß des Allgemeinen herbeizuführen ſucht. Aber auch dafür, daß Tenophon das definitoriſche Verfahren ſeines Meiſters zu würdigen verſtanden habe, laſſen ſich Bei⸗ ſpiele anführen. Mem. IV, 6, 1 bezeichnet er es als einen Hauptvorzug des Umgangs mit Sokrates, daß crordv u ror eνονσ, ri νασον t= 16ν dvro dvösdwor eNnrer, worin ja deut— lich genug ſich ausſpricht, daß es dem Sokrates überall darauf angekommen ſei, eine feſte Begriffs— beſtimmung zu gewinnen, von welcher aus die vorliegenden Fragen entſchieden werden konnten. Und ſelbſt wenn wir der ausdrücklichen Zeugniſſe des Xenophon über dieſes ſtete Suchen des Sokrates nach dem ri zarz entbehrten, ſo würde ſich dieſe Seite ſeiner philoſophiſchen Thätigkeit mit zwingender Nothwendigkeit aus jenem epagogiſchen Verfahren von ſelbſt ergeben, da ja der Zweck desſelben nur dann erreicht werden kann, wenn über das auf inductivem Weg gewonnene Allgemeine durch die Einheit der Begriffsbeſtimmung Rechenſchaft abgelegt wird, wie denn auch Ariſtoteles an mehreren Stellen dem Sokrates nur die Definition zuſchreibt und die Induction als das Mittel dazu verſchweigt. Es braucht übrigens kaum bemerkt zu werden, daß wenn ſomit einſtimmig Sokrates als der Urheber der Induction und der Definition bezeichnet wird, dies nicht ſo zu faſſen iſt, daß Sokrates zuerſt dieſe beiden angewandt habe. Denn jede Erfahrung und jede Beobachtung muß, wenn anders nicht die Seele zu ſchlaff iſt, ſie in der Erinnerung feſtzuhalten, zu der Anwendung der Induction führen, und daß die Definition bereits von den vorſokratiſchen Philoſophen gekannt war, darüber liegen uns die klarſten Beweiſe und gleichfalls die unwiderleglichſten Zeugniſſe desſelben Ariſtoteles vor. Was hier von Sokrates ausgeſagt wird, iſt vielmehr nur dies, daß er in dieſen beiden, der Definition und der Induction, die Grundlagen und Stützen alles Wiſſens erkannt und darum die hierin beruhende dialektiſche Kunſt in den mannichfachſten Anwendungen anſchaulich gemacht und geübt habe. Darauf aber beſchränkt ſich auch das Verdienſt des Sokrates. Eine eigentliche Theorie der Logik hat Sokrates nicht aus⸗ zubilden verſucht, und daraus, nicht etwa aus einer mangelhaften Auffaſſung des Penophon, iſt es zu erklären, daß dieſer uns kein Theorem von Sokrates über die Art und Weiſe, wie die dialektiſche Methode zu handhaben ſei, überliefert hat, wenn man nicht allenfalls eine ſolche theo⸗ retiſche Anweiſung darin erblicken will, daß Sokrates als Erforderniß für die ſichere Begründung einer wiſſenſchaftlichen Betrachtung immer das Ausgehn und Fortſchreiten von dem Bekannteren und am meiſten Zugeſtandenen(Mem. IV, 6, 15 did rév uanεαa GOαQνενοσν) zu dem weniger Bekannten anſah.
Aber auch hinſichtlich der Ausübung der Methode zeigt ſich bei Sokrates eine Beſchränkung, welche auf einſeitige Berichterſtattung des Xenophon zurückzuführen man um ſo weniger Grund hat, als auch hier Ariſtoteles als Gewährsmann für Kenophon eintritt. Es betrifft dies die


