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übrigen Berichte mahnen. Es iſt dies der Eudämonismus in der ſokratiſchen Sittenlehre, allerdings eine ſchwache Seite dieſer Ethik. Es wird nemlich, nachdem in der angeführten Weiſe feſtgeſtellt worden iſt, daß der Werth oder Unwerth einer jeden Handlung nach dem Grad des Erkennens zu bemeſſen iſt, welches ihr zu Grunde liegt, auch die Frage nach dem Inhalt und Zweck der Tugend aufgeworfen, und dieſe dahin beſtimmt, daß ſie in dem beruhen, was dem Menſchen nützlich und angenehm ſei. Xenophon läßt Sokrates öfter von der Glückſeligkeit reden, wonach der Menſch durch ſittliches Verhalten ſtreben ſolle. Der Nutzen und Schaden, welchen eine Handlung bringt, iſt in letzter Inſtanz der Gradmeſſer für die Löblichkeit oder Verwerflich⸗ keit der Handlung; das Gute wird von dem xenophontiſchen Sokrates mit dem Nützlichen iden⸗ tificirt. Allerdings unterſcheidet Sokrates da, wo er von der Gliückſeligkeit ſpricht, die euxgakia von der ⸗urozia und verſteht unter dieſer die Gunſt des Zufalls, durch welche dem Menſchen das zu Theil wird, was ſeinem Zuſtand gemäß iſt, unter jener dagegen das Glück, welches der Menſch ſelbſt durch beſonnenes, zweckentſprechendes Handeln ſich erwirbt. Allein die Fälle, welche von Xenophon als ſolche aufgezählt werden, in denen Sokrates das Nützliche als die bewegende Ur⸗ ſache des tugendhaften Handelns bezeichnet, ſind ſo zahlreich, daß jene Unterſcheidung, welche über⸗ dies ſich mit dem Utilitätsprincip immerhin vereinigen läßt, dagegen nicht ins Gewicht fallen kann. Für die ſchönſten Tugenden, die den Menſchen zieren, für die Freundestreue, die Geſchwiſter⸗ liebe, die Beſcheidenheit, die Mäßigkeit, den Patriotismus, den Gehorſam gegen die Geſetze, wird die letzte Begründung in dem Nutzen geſucht, welchen dieſe Tugenden ihren Trägern gewähren. Ein auffallender Widerſpruch, der hierin liegt, iſt kaum zu läugnen. Denn auf der einen Seite legt Sokrates den ſtrengſten Maßſtab an die menſchliche Tugend und ſtellt überall die Exiſtenz der Tugend in Abrede, wo das Weſen derſelben nicht auf wiſſenſchaftlichem Wege erkannt worden iſt, und doch führt er andererſeits dieſe Tugend nur auf den Nutzen und den Genuß zurück. Aber nichts berechtigt uns, für dieſen Widerſpruch den Schüler, welcher eben nur das Organ des Sokrates iſt, und nicht vielmehr dieſen ſelbſt verantwortlich zu machen. In den Dialogen, welche faſt einſtimmig für echt platoniſch gehalten werden, treten uns übrigens ganz ähnlich klingende Behauptungen entgegen, wie die, daß das Gute das Nützliche, und daß das Nützliche das An⸗ genehme ſei, ebenſo daß alle Tugend als die Fertigkeit, Luſt und Unluſt richtig abzuwägen, auch lehrbar ſein müſſe. Eben ſo wenig kann die von Brandis verſuchte Erklärung befriedigen, daß wir es hier mit einer ironiſch durchgeführten Annahme zu thun haben, deren Spitze ſich gegen die Sophiſten wende, die aber in dieſem ironiſchen Sinn von Xenophon mißverſtanden und als wirkliche, eigene Anſicht des Sokrates fortgepflanzt worden ſei. Vielmehr werden wir nicht um⸗ hin können, dieſe Schwäche der ſokratiſchen Lehre auch ihrem Urheber zur Laſt zu legen, wenn auch mit dem Bewußtſein, daß die Inconſequenz, deren er ſich damit ſchuldig gemacht hat, des— halb weniger in Anſchlag zu bringen iſt, weil es dem Sokrates weniger darauf ankam, ein wirk⸗ liches philoſophiſches Moralſyſtem zu ſchaffen, als vielmehr in einzelnen Geſprächen, ganz wie der Zufall die Gelegenheit dazu bot, ſeine Anſicht über dieſen und jenen Punkt der Sittenlehre auszuſprechen und zu begründen.
In Bezug auf die dialektiſche Methode, deren Urheberſchaft Sokrates eine ſo hohe philo⸗ ſophiſche Bedeutung für die ganze Folgezeit geſichert hat, unterrichtet uns, abgeſehen von den


