Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

es uns wundern, wenn die Freude an der Läuterung ihrer Vorſtellungen und an dem geiſtigen Schaffen, wozu ihnen der Meiſter verhalf, ſeine Schüler ſo mächtig zu ihm hinzog? Dieſes ſo⸗ kratiſche Verfahren aber lehrt uns in ſeinen Grundzügen auch Tenophon und zwar in zahlreichen Anwendungen kennen, ſo daß auch hiernach der Widerſpruch zwiſchen der Schilderung, welche Xenophon von Sokrates entwirft, und deſſen überlieferter Bedeutung für die damalige Zeit bei weitem nicht mehr ſo auffallend erſcheint.

Was nun den Kanon betrifft, welchen Schleiermacher zur Ermittelung der ſokratiſchen Lehre aufſtellt, ſo vermißt man neben Xenophon und Plato, an deren Berichte er ſich halten will, noch die Erwähnung des Ariſtoteles als des dritten Berichterſtatters, welcher uns freilich nur ſehr ſpärliche und nur ganz zerſtreute Notizen über den vorliegenden Fall darbietet, aber doch in einer Hinſicht ein ziemlich hohes Gewicht beanſpruchen darf. Denn wenn die Schwierigkeit der Aufgabe, die ſokratiſche Philoſophie aus Plato zu conſtruieren, zum großen Theile darin beruht, daß es uns an einem ſicheren Kriterium fehlt, um das Sokratiſche im Plato von dem originell Plato⸗ niſchen zu unterſcheiden, ſo haben wir beſtimmten Grund zu der Annahme, daß Ariſtoteles ſich bemüht habe, dieſe beiden Elemente der platoniſchen Dialoge zu trennen. Nicht als ob nicht auch Ariſtoteles hier und da den platoniſchen Sokrates ohne nähere Prüfung und Unterſcheidung der Sokratik und des Platonismus citierte. Es kommt vielmehr öfter vor, daß Sokrates genannt wird und es ſich dabei um Anſichten handelt, die ganz gewiß nicht dem Sokrates, ſondern erſt dem Plato angehören; aber eine ganze Anzahl ariſtoteliſcher Zeugniſſe verräth deutlich die Spuren einer vorgenommenen Sonderung ſokratiſcher und platoniſcher Lehre, ſo daß wir an ihnen ein nur ſehr dürftiges, aber ſchätzbares Material für die Darſtellung der Sokratik beſitzen. Außer der bekannten, auch von Schleiermacher berührten Stelle der Metaphyſik, wo Ariſtoteles die Induction(rarrνον l˙⁶2π) und die allgemeine Definition( Geie=a ναη̈ ονον) als die zwei Dinge nennt, die beide den Anfang der Wiſſenſchaft betreffen und die man mit Recht dem Sokrates zuſchreiben könne, kommt er öfter, und zwar mit beſtimmter Unterſcheidung platoniſcher und ſokratiſcher Lehre, auf die Anſicht des Sokrates zurück, daß alle Tugenden 767 oder Peovfoses, alſo Begriffe und wiſſenſchaftliche Erkenntniſſe, ſittliches Wiſſen ſeien. Hierin geht bei Ariſtoteles Sokrates ſogar noch viel weiter, als Plato, für welchen es immerhin noch gewiſſe Tugenden gibt, die es mit der Bekämpfung der ſinnlichen Begierden zu thun haben, während nach Sokrates von ſolchen Tugenden nicht die Rede ſein kann, da Niemand wiſſentlich der Pflicht zuwider handle. Für dieſen ethiſchen Fundamentalſatz aber haben wir an den ariſtoteliſchen Ethiken ein ziemlich ſicheres Correctiv für das, was ſich in Xenophon und dasjenige, was ſich in Plato darüber findet, ſofern jener den verſchiedenen Ausführungen dieſes Satzes nicht immer den adäquaten philoſophi⸗ ſchen Ausdruck gegeben, dieſer öfter die Lehre des Sokrates mit eigenen Zuſätzen vermiſcht und dadurch etwas unkenntlich gemacht hat. So z. B. finden wir die Behauptung, die Tugend ſei ein Wiſſen, bei Xenophon in der Geſtalt des Satzes, alle Gerechtigkeit und alle übrige Tugend ſei Weisheit..

Nur einen Punkt der xenophontiſchen Darſtellung müſſen wir hier näher berühren, weil man darin einen Grund zu dem Verdacht erblickt hat, es habe enophon ſeinen Lehrer vollkommen mißverſtanden, und dieſes Mißverſtändniß müſſe zur Behutſamkeit auch in der Aufnahme ſeiner

2*