Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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mit einen mächtigen Damm gegen die Zerſetzung und Vernichtung, welche dem ſittlichen Bewußt⸗ ſein von der Sophiſtik her drohte. Mit Hilfe derſelben dialektiſchen Kunſt, durch deren Anwendung die Sophiſten das Urtheil ihrer Zeitgenoſſen zu blenden und zu beſtechen und für verwerfliche Beſtrebungen zu gewinnen wußten, gelang es dem Sokrates, als wirklicher Tugendlehrer ſeine Schüler für das Leben auszubilden. Wenn man nun auch unter gewöhnlichen Verhältniſſen zu⸗ geben kann, daß ſolche Gedanken, auf welche jeder geſunde Verſtand von ſelbſt verfallen muß, nicht geeignet erſcheinen, auf die Fortbildung der Philoſophie zu wirken, ſo geſtaltet ſich die Sache doch anders da, wo der geſunde Menſchenverſtand durch überlegene Geiſteskraft abſichtlich in Verwir⸗ rung gebracht wird. Da darf der Kämpfer, welcher ſich dem Banne der herrſchenden Richtung entzieht, ſich muthvoll dem Strom der deſtructiven Beſtrebungen allein entgegenzuwerfen wagt und damit die Bahn der verſtandesgemäßen Entwicklung der Philoſophie wieder frei macht, wohl eine hohe philoſophiſche Bedeutung für ſich in Anſpruch nehmen. Von dieſem Geſichtspunkt betrachtet, begreift es ſich leicht, warum geiſtreiche Männer, wie Kritias und Alkibiades, und von Natur ſpeculative, wie Platon und Eukleides, auf den Umgang des Sokrates einen ſo hohen Werth ge⸗ legt und ſo lange Zeit ihre Befriedigung darin gefunden haben. Denn ſie erblickten und verehrten in Sokrates den Retter und Bewahrer eines Gutes, welchem, wie allen anderen Gütern, durch Gewohnheit und unangefochtenen Beſitz ſo leicht unſre Dankbarkeit geraubt, und das in dem ganzen Umfang ſeines Werthes erſt dann geſchätzt wird, wenn wir in Gefahr gerathen, es zu verlieren. Mögen die Unterredungen, welche uns Xenophon bietet, an und für ſich betrachtet, immerhin ein⸗ förmig und ermüdend erſcheinen, die prohibitive Stellung, welche Sokrates in dem angedeuteten Sinne zu den Sophiſten einnimmt, erhellt doch aus den meiſten dieſer Geſpräche, und ſchon von dieſer Seite her wäre die mächtige Wirkung des Sokrates auf ſeine Zeitgenoſſen zu begreifen. Aber auch unabhängig von dem gleichzeitigen Auftreten der Sophiſten würden wir die feſſelnde Kraft des ſokratiſchen Umgangs und der ſokratiſchen Unterredung erklärlich finden, wenn wir auch ausſchließlich auf das angewieſen wären, was uns Xenophon darüber berichtet. Die ſokratiſche Ironie, weit entfernt von irgend einem Gefühl der Freude, welche der Denker daran empfunden hätte, das zufriedene Selbſtbewußtſein ſeiner Mitunterredner zu zerſtören, wurzelte ja in der Ueberzeugung, daß alles, was unbewieſen als fertig hingenommen wird, nicht als eigentliches Wiſſen gelten kann. Jede Vorausſetzung erſchien nur dann gerechtfertigt, wenn ſie als Ergebniß eines conſequenten Denkens zu Stande gekommen war. Wie vieles von dem, was als durch Alter und Herkommen geheiligte Meinung bis dahin feſtgehalten war, ohne daß man daran dachte, die Be⸗ rechtigung davon zu prüfen, wurde von Sokrates vor das unbeſtechliche Forum der denkenden Be trachtung gezogen, und wie viele Wahnbegriffe mußten da vor der unwiderſtehlichen Kraft ſeiner Dialektik ſchwinden! Und was vor dieſer Schranke beſtehen bleiben konnte, mußte es nicht in einem ganz anderen Lichte erſcheinen, nachdem es die Sanction des prüfenden Verſtandes erhalten hatte und dadurch erſt eigentlich zum geiſtigen Eigenthum geworden war? Und wenn nun andererſeits diejenigen, welche ſich von der Falſchheit ihrer bisherigen Meinung überführt ſahen, nicht nur die zerſtörende Kraft der ſokratiſchen Methode fühlten, ſondern auch die andere Seite derſelben, die Mäeutik, kennen lernten, und ihnen nun an der Stelle des bisherigen in der Luft ſchwebenden Meinens ein auf feſtem Uutergrunde ruhendes, verſtandesmäßiges Erkennen zu Theil wurde, dar f