Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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er nichts wiſſe. In dieſer Negation ſeines Wiſſens, hinter welcher ſich keineswegs, wie ſonſt wohl in ſolchen ſtolz beſcheidenen Aeußerungen, das Bewußtſein vom Gegentheil verbirgt, ebenſo auch in der Verneinung des Wiſſens Anderer unterſcheidet ſich Sokrates nicht von den Sophiſten ſeiner Zeit, welche ja auch die Relativität aller Erkenntniß lehrten; allein er iſt von ihnen durch die gewaltige Kluft geſchieden, daß, während ſie nicht nur das Wiſſen des Einzelnen in Abrede ſtellten, ſondern auch die reale Exiſtenz eines Wiſſens überhaupt läugneten, für Sokrates dieſes abſolute Wiſſen gerade den Faktor bildet, welches unſerem ganzen Streben zum Sporn dienen kann, da wir zwar dieſes Wiſſen in ſeinem ganzen Umfang und in ſeiner unumſtößlichen Gewißheit nicht erreichen, wohl aber uns demſelben nähern können.

Ganz derſelben Erſcheinung, daß Sokrates theilweiſe ſich den Standpunkt der Sophiſten an⸗ eignet, aber nur, um an der Stelle, wo ſie die ſittengefährdenden Conſequenzen ziehen, ſie deſto beſſer bekämpfen zu können, begegnen wir auch in ſeiner Auffaſſung von der politiſchen Ausbil⸗ dung der Menſchen. Nach ſeiner Vorſtellung dürfen ſich nur Diejenigen an der Staatsverwal⸗ tung betheiligen, welche durch beſondere geiſtige Fähigkeiten dazu berechtigt ſind; die Stimmen dürfen nach ihm nicht gezählt, ſie müſſen gewogen werden, wenn die Wohlfahrt des Staates an ſeinen Führern auch wirkliche Förderer finden ſoll. Dieſe Behauptung des Sokrates, womit er ſich übrigens in den entſchiedenſten Widerſpruch mit der atheniſchen Demokratie ſetzte, iſt ja ſpäter in der bekannten Weiſe von Plato aufgenommen und bis zu dem Ergebniß weiter ausgeführt worden, daß in dem platoniſchen Staat nur die Philoſophen die Herrſchenden ſein dürfen. Hier iſt nun die Annahme, daß die Befähigung zur Theilnahme am politiſchen Leben nicht von ſelbſt ſich einſtelle, ſondern durch Vorbereitung und Uebung erworben werden müſſe, wiederum nicht ſpecifiſch ſokratiſch, ſondern bereits von den Sophiſten vertreten, deren erziehende und belehrende Thätigkeit ja ganz beſonders dieſer Vorbereitung für das öffentliche Leben galt. Aber ſie miß⸗ brauchten dieſen ihren Beruf und bekannten ſich ungeſcheut dazu, den ihrer Leitung anvertrauten Jünglingen den Weg zu zeigen, wie man die Angelegenheiten des Staates den eigenen Neigungen und Intereſſen dienſtbar machen könne, während Sokrates umgekehrt dieſe Vorbereitung für die politiſche Thätigkeit von ſeinen Schülern nur forderte, damit ſie mit ihrer ganzen Kraft und mit völliger Unterordnung ihres individuellen Vortheils dem Staate deſto wirkſamer dienen könnten.

In dieſer theilweiſen Uebereinſtimmung des Sokrates mit den Sophiſten(und ſie ergibt ſich eben ſo deutlich aus Xenophon, wie aus dem Plato) iſt es wohl begründet, daß Mancher, der in ſeine Lehre nicht tiefer eindrang, ihn ſelbſt für einen Sophiſten halten mochte, eine Anſchul⸗ digung, für welche man dann einzelne, in ihrer Abgeriſſenheit allerdings das Gepräge der So⸗ phiſtik an ſich tragende Sätze anführte, wie z. B., daß Jeder, der das Gute als ſolches erkenne, es auch ausübe, ferner, daß der Böſe nur unfreiwillig das Böſe thue, und endlich die frappanteſte Behauptung, daß derjenige, welcher wiſſentlich lüge, dem vorzuziehen ſei, der dabei des Wiſſens entbehre. Jedenfalls aber mußte dieſe Weiſe des Sokrates, daß er nicht alles, was von den So⸗ phiſten ausging, abſolut verneinte und als unbrauchbar verwarf, ſondern das Berechtigte in ihren Lehren zu ſichten und im Dienſte edler Beſtrebungen zu verwenden ſuchte, ihm bei allen Denjenigen, welche den gefährlichen Charakter der Sophiſten erkannten, einen mächtigen Erfolg ſichern. Er be⸗

kämpfte die Sophiſtik mit den Waffen, welche ſie ſelbſt ihm in die Hände lieferte und ſchuf da⸗ 2