Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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über Sokrates unſre Vorſtellung von ihm als Philoſophen trüben zu laſſen? Man kann die wür⸗ digſte Meinung nicht nur von ſeinem Leben, ſondern auch von ſeiner Philoſophie haben, und da⸗ bei doch annehmen, es ſei ihm weit weniger darauf angekommen, für irgend eine einzelne Kunſt oder Wiſſenſchaft tüchtige Jünger zu erziehen, als vielmehr darauf, Menſchen zu bilden und daß ihm für dieſe Menſchenbildung eine wiſſenſchaftliche Pflege der Ethik geeigneter und wichtiger er⸗ ſcheinen mußte, als eine ſpeculative Naturbetrachtung, braucht wohl nicht näher erörtert zu werden. Zwar hat er, wie Schleiermacher an der citierten Stelle bemerkt, auch dieſe Ethik, womit er ſich am tiefſten eingelaſſen, keineswegs in eine wiſſenſchaftliche Geſtalt gebracht; indeſſen ſteht ihm das unbeſtreitbare Verdienſt zur Seite, die wiſſenſchaftlichen Forſchungen auf dieſem Gebiete an⸗ geregt und den Keim zur ſyſtematiſchen Ausbildung gelegt zu haben, welche nachher die Ethik durch Plato und Ariſtoteles erfahren hat. 3

Wenn nun weiterhin Schleiermacher behauptet, daß Sokrates als Virtuoſe des geſunden Menſchenverſtandes, wie er von Xenophon dargeſtellt wird, keineswegs dazu angethan ſcheint, in der Geſchichte zu glänzen,wenn nicht eben beſondere Umſtände hinzutreten, welche ihm dieſe Be⸗ deutung verſchaffen, ſo wird es freilich nicht ſchwer, ſolche beſondere Umſtände in dem Auftreten des Sokrates zu entdecken, welche dazu dienen mußten, ihn als den Vorkämpfer einer neuen Rich⸗ tung in der Philoſophie erſcheinen zu laſſen. Dieſe Umſtände ſtellten ſich dar einestheils in dem Realismus der vorſokratiſchen Philoſophie, dann aber auch, und ganz beſonders, in der gleichzeitigen Thätigkeit der Sophiſten und in der eigenthümlichen Stellung, welche Sokrates zu dieſen und zu ihrer Lehre einahm. Die ſämmtlichen philoſophiſchen Syſteme vor Sokrates, welche ein Erklärungs⸗ princip für die Welt der Erſcheinungen aufſtellten, hatten, mit Ausnahme des Anaxagoras, dieſes Prinzip entweder, wie die joniſchen Naturphiloſophen, in einem materiellen Subſtrat gefunden oder doch wenigſtens das Entſtehen alles Seienden auf materielle Weiſe erklärt. Nur auf das Gegen⸗ ſtändliche und Sichtbare war darin Werth gelegt, und nirgend die Rede von einem ideellen Princip, welches ſeine Macht dieſer Objectivität der Erſcheinungen gegenüber behaupte. Dieſer materialiſtiſchen Anſchauung traten zuerſt die Sophiſten entgegen, indem ſie die Subjectivität des menſchlichen Denkens und den menſchlichen Geiſt als das Höhere bezeichneten, welchem ſich die realen Erſcheinungen unterordneten. Sie trieben nun die Geltendmachung der Subſjectivität auf die Spitze, indem ſie behaupteten, daß es kein abſolutes, objectives Wahre gebe, ſondern es ganz in dem Belieben des denkenden und vorſtellenden Subjectes ſtehe, das, was gut, wahr und ſittlich ſei, ſelbſt zu beſtimmen. Dieſer Behauptung der Sophiſten gegenüber verhielt ſich Sokrates keineswegs abſolut negierend; er erkennt vielmehr das Berechtigte darin und ſchließt ſich ihnen an, ſoweit es ſich mit ſeiner ihm feſtſtehenden Erkenntniß der Pflicht und Tugend verträgt. Auch er hegt, wie die Sophiſten, ſtarken Zweifel an der Richtigkeit der äußeren Wahrnehmung, da dieſe nur einzelne Seiten des zu er⸗ kennenden Objects herausgreift, ohne das Weſen desſelben bis zu der Vollendung des begrifflichen Erkennens zu durchdringen. Während aber die Sophiſten, auf dieſer Skepſis fußend, jede Meinung für gleich wahr und gleich falſch hielten, weil jeder nur das Maß der Dinge in ſich ſelbſt trage, ſprach Sokrates einer jeden Meinung die Berechtigung ab, welche auf unerwieſenen Vorausſetz⸗ ungen beruhte.

Das gleiche Verhältniß zur Sophiſtik erkennen wir in der Erklärung des Sokrates, daß