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berichtet derſelbe enophon auch, übereinſtimmend mit Plato's„Phädon“, daß Sokrates in ſeiner Jugend auch die phyſiſchen Lehren mit großem Fleiß ſich angeeignet und erſt in reiferen Jahren jede Beſchäftigung mit der Naturwiſſenſchaft aufgegeben habe, was ſich doch kaum durch einen Wechſel perſönlicher Neigung erklären läßt. Dann aber erfahren wir an den hauptſächlich hier in Betracht kommenden Stellen der Memorabilien auch dies, daß er die Kenntniß der Natur für ein Erforderniß der Bildung hielt. Vergleichen wir ferner die hierher gehörige Stelle in der pla— toniſchen„Republik“, ſo finden wir, daß Sokrates keineswegs jede Naturbetrachtung, ſondern nur hauptſächlich die Naturphiloſophie verwarf, wie ſie bis zu ſeiner Zeit lang betrieben worden war und bis zum Atheismus geführt hatte. Eben ſo wenig läßt es ſich mit einer wirklichen Verachtung aller Naturforſchung in Einklang bringen, wenn Sokrates als ein Bewunderer der Schrift Heraklit's „über die Natur“ geſchildert wird, die ihm nur ſtellenweiſe unverſtändlich geblieben ſei. Erwägen wir dagegen, daß bis auf die Zeiten des Sokrates die philoſophiſchen Beſtrebungen faſt ausnahms⸗ los die Tendenz verrathen, ein Princip für die Erklärung der Naturerſcheinungen zu finden, während die Ethik, mit Ausnahme vielleicht des Pythagoreismus, in der Philoſophie überhaupt keine Stelle gefunden, geſchweige eine wiſſenſchaftliche Behandlung erfahren hatte, ſo begreift man einigermaßen, wie Sokrates ſich gerade herausgefordert fühlen mußte, auch dieſer bis dahin vernachläſſigten Dis⸗ ciplin die ihr gebührende Stellung in der Philoſophie zu verſchaffen, und wie er ſie zu dieſem Zwecke in den Vordergrund ſtellte, wenn auch darüber der Phyſik eine Zeit lang die ihr zukommende Pflege entzogen wurde. Der Umſtand alſo, welchen Schleiermacher anführt, um die mangelhafte Berückſichtigung der Phyſik bei Sokrates noch auffallender erſcheinen zu laſſen, daß nemlich die Forſchungen über die Natur einen großen Theil der Philoſophie ſchon bei den Hellenen ausmachten, kann umgekehrt gerade zur Erklärung jener Erſcheinung dienen. Erkennen wir doch dasſelbe Vor⸗ wiegen des Ethiſchen auch noch in Plato, der ſich zur ausführlichen Entwicklung phyſiſcher Lehren ganz auf den Timaeus beſchränkt, die ethiſchen Unterredungen dagegen faſt in keinem Dialog fehlen läßt, womit denn auch die Bemerkung Tim. p. 59 c übereinſtimmt, daß die phyſiſchen Unter⸗ ſuchungen über Einzelnes nur zur Erholung von den Unterſuchungen über das ewige Sein dienen. Das gleiche Verhalten zeigt Sokrates nach Xenophons Ueberlieferung auch gegen die tieferen aſtro⸗ nomiſchen und mathematiſchen Unterſuchungen, die er auf das Maß des praktiſchen Bedürfniſſes beſchränkt, oder, wie er ſich näher erklärt, nur ſo weit betrieben wiſſen will, als ſie dem Feld⸗ meſſer und dem Steuermann nöthig ſind und nützen. Auch hierin hat man kein Recht, den Xenophon, wie dies wohl geſchehen iſt, eines auf mangelhaftem philoſophiſchen Sinn beruhenden Mißver⸗ ſtändniſſes zu beſchuldigen. Aehnliches nämlich begegnet uns in den platoniſchen Geſprächen, und zwar als eigene Anſicht Plato's, was doch wohl zum Beweiſe dafür dienen kann, daß er dieſe Auf⸗ faſſung nicht für eine des wahren Philoſophen unwürdige gehalten habe. Ihm iſt die Mathematik bei aller Bedeutung, welche ſie als Bildungsmittel für das philoſophiſche Denken beanſpruchen darf, doch nicht ſelbſt Philoſophie, da ſie von vorausgeſetzten Begriffen ausgeht, über welche ſie keine Rechenſchaft gibt, und da ſie ſich ferner zu ihren Beweiſen veranſchaulichender Bilder be⸗ dient. Wenn wir ſonach bei dem weit entwickelteren Standpunkt des platoniſchen Syſtems dennoch das darin ſich offenbarende vorwiegende Intereſſe für die Ethik nicht als Mangel einer philo⸗ ſophiſchen Durchbildung betrachten, welchen Grund haben wir, durch ähnlich lautende Nachrichten


