Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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Sokrates in die Induction und in die Definition ſetzt. Daß Sokrates dieſe dialektiſche Grund⸗ lage nur in ihren äußerſten Umriſſen erkannt und zum Bewußtſein gebracht hat, während die weitere Ausführung Plato und Ariſtoteles überlaſſen blieb, kann das Verdienſt des Sokrates nicht beeinträchtigen. Zur Erlernung dieſer Kunſt ſchaarten ſich wißbegierige Schüler um Sokrates, un⸗ bekümmert darum, daß ſie unter ſeiner Leitung ihren Trieb nach Vertiefung in die einzelnen Wiſſen⸗ ſchaften nicht befriedigen konnten, was ihnen erſt nach dem Tode des Meiſters gelang. Und nur darauf, nicht etwa auf eine wirkliche Verachtung einzelner Wiſſenſchaften beziehe ſich das, was wir von ſeiner Vernachläſſigung der Naturwiſſenſchaften erfahren; ihm kam es bei dem Wiſſen mehr auf die Tiefe als auf die Breite an, und darin ſehen wir ſein Beiſpiel noch theilweiſe von Plato befolgt, während es erſt dem Ariſtoteles gelang, das feſt gewordene Princip des Meiſters in den verſchiedenſten Gebieten der Wiſſenſchaft zur Anwendung im Einzelnen zu bringen.

Niemand wird die Folgerichtigkeit dieſer Gedankenreihe in der Schleiermacher'ſchen Abhand⸗ lung verkennen, eben ſo wenig die lichtvolle Klarheit, mit welcher der geiſtvolle Denker ein unter den gegebenen Umſtänden nur durch Combination aufzuhellendes Gebiet erſchloſſen hat. Und den⸗ noch dürfte es des Verſuchs nicht unwerth erſcheinen, bei aller Anerkennung des von Schleier⸗ macher in Bezug auf die philoſophiſche Bedeutung der ſokratiſchen Methode gewonnenen Reſultats doch zu unterſuchen, ob nicht von vorhinein der gelehrte Kenner des Platonismus mit einem in dieſem Maße nicht gerechtfertigten Mißtrauen an den Bericht des Xenophon herangetreten ſei. Und zu dieſem Zweck möchte es ſich empfehlen, zunächſt die Gründe zu prüfen, welche ihm dieſes Miß⸗ trauen gegen die xenophontiſche Schilderung des Philoſophen Sokrates eingeflößt haben. Der ge⸗ ſtaltende Einfluß, den Sokrates auf die Entwicklung der griechiſchen Philoſophie ausgeübt haben ſoll, ſcheint ihm undenkbar, wenn man damit vergleicht, wie dieſelben Schriftſteller, welche ihm dieſen Einfluß zuſchreiben, den Sokrates an und für ſich darſtellen. Er führt dafür an,daß ſich Sokrates mit den Forſchungen über die Natur, welche einen großen Theil der Philoſophie ſchon bei den Hellenen ausmachten, gar nicht beſchäftigt, ja ſogar auch Andere davon zurückgehalten habe. Gegen Ende der ganzen Betrachtung nun verſucht er der Sache die Deutung zu geben, daßSo⸗ krates kein beſonderes Talent zu einer einzelnen Wiſſenſchaft hatte und am wenigſten zur Phyſik, daß er ſich von ſeinem Mittelpunkte, d. i. von der Idee des Wiſſens, nicht in die Weite entfernte, daß ſein ganzer Wunſch dahin gegangen ſei, daß dieſer Grund, ehe man weiter ins Einzelne gehe, recht feſt werden möchte. Wie iſt es nun zu erklären, daß in dieſer Abſicht, ſeine philoſophiſche Thätigkeit auf die Befeſtigung des mit der Idee des Wiſſens gewonnenen Princips zu concentrieren, Sokrates ſich gerade von der phyſiſchen Wiſſenſchaft abwandte, dagegen die Ethik mit verhältniß⸗ mäßig großer Ausführlichkeit in ſeinen philoſophiſchen Unterredungen bedachte? Und hätte nicht Sokrates, der nach Schleiermacher ja die Eintheilung alles Wiſſens in Dialektik, Phyſik und Ethik bereits gekannt haben ſoll, wenn es ihm auf den Inhalt auch gar nicht ankam, doch darauf Be⸗ dacht nehmen müſſen, die Beiſpiele für die Geltendmachung des begrifflichen Wiſens theilweiſe auch dem Gebiete der Phyſik zu entnehmen? In der That ſcheint die übermäßige Begünſtigung der Ethik auf Koſten der Phyſik nicht ausſchließlich auf die Vorliebe für jene und die Abneigung gegen dieſe zurückgeführt werden zu dürfen. Daß dieſe Abneigung ohnehin keine abſolute geweſen iſt, läßt ſich aus den vorliegenden Zeugniſſen mit großer Wahrſcheinlichkeit darthun. Denn erſtens