Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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er bewußt oder unbewußt das von Sokrates Gehörte populariſiert habe. Somit drängt ſich die Nothwendigkeit der Hinzunahme des von Plato Berichteten und damit zugleich die Frage nach dem Kriterium auf, wonach man in den platoniſchen Dialogen den Platonismus von der Sokratik unterſcheiden könne. Dieſes Kriterium nun findet Schleiermacher darin, daß man ſich frage:Was kann Sokrates noch geweſen ſein neben dem, was Xenophon von ihm meldet, ohne jedoch den Charakterzügen und Lebensmaximen zu widerſprechen, welche Xenophon beſtimmt als ſokratiſch auf ſtellt, und was muß er geweſen ſein, um dem Plato Veranlaſſung und Recht gegeben zu haben, ihn ſo, wie er thut, in ſeinen Geſprächen aufzuführen?

Den erſten Anhaltspunkt zur Ermittelung des philoſophiſchen Gehalts der ſokratiſchen Lehre findet Schleiermacher in jener Eintheilung alles Wiſſens in Dialektik, Phyſik und Ethik, welche wir in der vorſokratiſchen Periode entweder nur einzeln und getrennt oder bunt durcheinander ge⸗ miſcht finden, während dieſe Dreitheilung allen nachſokratiſchen Schulen eigenthümlich iſt, wenn auch irrthümlich Plato die Sonderung dieſer drei Zweige noch abgeſprochen wurde. Nicht in dieſer Eintheilung, wohl aber in der ihr zu Grunde liegenden JIdee des Wiſſens, welche durch Sokrates zum Bewußtſein gekommen ſei, erblickt Schleiermacher das Merkmal, welches die erſte Periode der griechiſchen Philoſophie von der zweiten unterſcheidet. Dieſe Idee des Wiſſens dient ihm dazu, eine Uebereinſtimmung herbeizuführen zwiſchen den unphiloſophiſch gehaltenen Ge⸗

ſprächen des Xenophon und dem, was wir in der platoniſchenApologie und in der Lobrede

des Alcibiades imGaſtmahl erfahren. Darauf führt er insbeſondere alles das zurück, was über das Nichtwiſſen geſagt wird, das Sokrates von ſich ſelbſt prädiciert, da Sokrates, um mit ſolcher Beſtimmtheit ſich das Nichtwiſſen beizulegen, doch nothwendig eine allgemeine Vorſtellung vom Wiſſen, d. h. alſo jene Idee des Wiſſens gehabt haben müſſe. Ebenſo liege der ganzen Methode, wie er Andere von ihrem Nichtwiſſen zu überzeugen ſuchte, die Vorausſetzung zu Grunde, daß alles Wiſſen nur ein einheitliches Ganzes ſei, und daß richtige Gedanken, auch wenn ſie von den entgegengeſetzteſten Punkten ihren Ausgang nehmen, doch niemals widerſpruchsvoll aufeinander ſtoßen dürfen. Aus demſelben Beſtreben erklärt auch Schleiermacher weiter die einſtimmig über⸗ lieferte Eigenthümlichkeit des ſokratiſchen Philoſophierens, durch allgemein zugeſtandene und der Sphäre des alltäglichen Lebens entnommene Sätze zum Ziel der Unterredung zu gelangen; an ſolchen Sätzen nemlich ſei es Sokrates am leichteſten geworden, die Mangelhaftigkeit deſſen, was Alle zu wiſſen vermeinten, nachzuweiſen, ſo lange jene Idee des Wiſſens nicht zum Bewußtſein gelangt war. Nicht minder findet er darin die Begründung für Sokrates' Auftreten gegen die Sophiſten, deſſen ganzer Zweck nicht etwa in dem materiellen Inhalt der vorgetragenen Sätze, ſondern auch nur darin zu beruhen ſcheine, die Macht jener beherrſchenden Idee des Wiſſens zur Anerkennung zu bringen.

Hiermit ſteht nun aber weiter in innigſter Verbindung die ſogenannte ſokratiſche Methode, deren er, wenn er nicht ſelbſt in den Fehler verfallen wollte, deſſen er Andere beſchuldigte, ſich aufs ſtrengſte bedienen mußte: die richtige Verbindung und Sonderung der Begriffe oder die richtige Begriffsbildung, durch welche Sokrates der Begründer der von da an herrſchend geblie⸗ benen Dialektik geworden iſt. In der Zurückführung dieſer Kunſt auf Sokrates ſtimmen die Zeug niſſe des Plato und des Xenophon überein, wie denn auch Ariſtoteles das Hauptverdienſt des