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dem Sokrates die hervorragende Stellung zu laſſen, welche er in der Geſchichte der Philoſophie einnimmt, dann aber auch ihn zum Urheber einer Lehre zu machen, welche dieſe Stellung recht⸗ fertigt, oder anderen Falles ihn aus der Geſchichte der Philoſophie in die Geſchichte der allge⸗ meinen atheniſchen Bildung zu verweiſen. Da nun aber, wenn man(wie Krug und Aſt gethan haben) mit Sokrates entweder gar nicht, oder wenigſtens nicht mit ihm allein eine neue Periode beginnen läßt, man dieſen Anfang nothwendig in den Platonismus verlegen müßte, aber auch dieſe Annahme auf mancherlei Schwierigkeiten, welche näher ausgeführt werden, ſtoßen würde, ſo empfehle ſich ein erneuter Verſuch, ob denn nicht ein wirklich nachhaltiges Verdienſt ſich ausfin⸗ dig machen laſſe, das ſich Sokrates um die Philoſophie erworben habe und welchem er ſeinen Ruf als Begründer einer neuen bahnbrechenden philoſophiſchen Doctrin verdanke.
Hier ſind wir nun bei dem Punkte angelangt, wo Schleiermacher jene Frage nach der Authentie des platoniſchen oder des xenophontiſchen Berichts wieder aufnimmt, und zwar von vorhinein mit der Bemerkung, daß man zuerſt zu unterſuchen habe, ob denn wirklich zwiſchen beiden ein ſo un⸗ lösbarer Widerſpruch beſtehe, daß man den einen verwerfen müſſe, um den anderen für glaub⸗ würdig zu halten. Hierbei wird beſonders die Verſchiedenheit des Standpunktes geltend gemacht, von welchem aus jeder von Beiden die Zeichnung des Meiſters entwirft. Plato trete nicht mit dem Anſpruch auf, alles ſo objectiv zu berichten, wie dies vielleicht die Sache des Geſchichtſchreibers, aber nicht die des ſpeculativen und originellen Philoſophen iſt. Außer in der„Apologie“ und in der Rede des Alcibiades im„Gaſtmahl“ habe man nirgend Grund anzunehmen, daß Plato alles, was er dem Sokrates in den Mund legt, auch wirklich als die ſokratiſche Anſicht angeſehen wiſſen wolle, da ja alsdann nur ein verſchwindend kleines Maß ſelbſtſtändiger Thätigkeit für Plato übrig bleiben würde. Eben ſo gewiß aber ſei es, daß wir den Sokrates unterſchätzen würden, wollten wir ſeine Lehre nur nach dem conſtruieren, was uns Xenophon darüber berichtet. Denn auf der einen Seite hatte Xenophon wohl die Abſicht, ein Lebensbild des Meiſters und zwar zu apologetiſchem Zweck zu entrollen, nicht aber uns in das philoſophiſche Lehrgebäude des Sokrates einzuführen. Andererſeits aber fehlte ihm auch die philoſophiſche Bildung, die ihn in den Stand geſetzt hätte, überall die ſokratiſche Lehre in ihrer ganzen Tiefe zu erfaſſen und in ihrer Wieder⸗ gabe den vollgiltigen philoſophiſchen Ausdruck dafür zu finden. Aber Sokrates muß ſchon des⸗ halb mehr geweſen ſein, als wozu ihn Kenophon ſtempelt, weil er ſonſt unmöglich den Anknüpfungs⸗ punkt abgeben konnte, an welchen Plato ſein philoſophiſches Syſtem anlehnt. Eben ſo wenig laſſe ſich begreifen, wie Sokrates, wenn er ſich mit ſeinen Unterredungen innerhalb der engen Grenzen einer bürgerlichen Moral bewegte, die begabteſten Männer der Zeit in dieſem Grade und auf die Dauer an ſich feſſeln und andererſeits den geiſtig jedenfalls ſehr bedeutenden Sophiſten die Spitze bieten konnte. Auch darin könne die Löſung des Räthſels nicht gefunden werden, daß etwa Sokrates, wie uns das Gleiche von Ariſtoteles berichtet wird, exoteriſche und eſoteriſche Vor⸗ träge gehalten habe, und daß uns in den Memorabilien nur die erſteren ihrem weſentlichen In⸗ halte nach mitgetheilt ſeien, die anderen von tieferem Gehalt dagegen entweder der Kenntniß oder doch jedenfalls dem Verſtändniß Xenophons ſich entzogen hätten; denn in dieſem Falle müßte uns irgend eine Andeutung über dieſen doppelten Charakter der ſokratiſchen Unterhaltungen gegeben ſein, und außerdem verrathe ſich auch in dem, was enophon an Philoſophiſchem mittheilt, daß


