Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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der platoniſchen Schriften als das vorzüglichſte Mittel empfiehlt, ſich über die Lehre des Sokrates zu unterrichten. Die Verſuche und Vorſchläge, wie man beide Relationen zu benutzen habe, um daraus ein annähernd richtiges Bild der Sokratik zu gewinnen, ſind zum Theil ſo verfehlt, daß ſie ihre Widerlegung in ſich ſelbſt tragen. Dahin iſt insbeſondere die Anſicht von Meiners (Geſchichte der Wiſſenſchaften II, S. 421) zu rechnen, welcher annimmt, daß nur dasjenige als echt ſokratiſch zu gelten habe, was von Plato und Xenophon zugleich und zwar in ſokratiſcher Sprache und Weiſe berichtet werde. Daß wir uns bei Befolgung dieſes Vorſchlags in einen circulus vitiosus begeben würden, ſofern wir erſt das Sokratiſche in Beiden herausgefunden haben müßten, um eine ſichere Kenntniß der ſokratiſchenSprache und Weiſe zu gewinnen, liegt klar zu Tage. Nicht viel begründeter iſt ein anderer Vorſchlag, daß man Xenophon in Bezug auf den Stoff, Plato hinſichtlich der Form für maßgebend halten ſolle, da dieſe Trennung von Form und Inhalt nur eine künſtliche und bei keinem Philoſophen, am allerwenigſten aber bei Sokrates durchzuführen wäre. Am eingehendſten wurde die Frage von Schleiermacher geprüft, welcher in ſeiner Abhandlungüber den Werth des Sokrates als Philoſophen zu dem Schlußergebniß ge⸗ langt, daß Xenophon bei aller Glaubwürdigkeit in Bezug auf das, was er über den Charakter und die Lebensgrundſätze des Sokrates berichtet, doch keineswegs als zuverläſſiger Gewährsmann für deſſen philoſophiſche Lehren gelten dürfe.

In gleichem Sinne bezweifelt Diſſen die Authentie des Xenophon, wie auch Ritter und Brandis, Letzterer freilich mit einer kleinen Modification, der Anſicht Schleiermachers beitreten, welche folgendermaßen näher ausgeführt und begründet wird.

Von dem Widerſpruch ausgehend, der, wie bereits erwähnt, zwiſchen der dem Sokrates von der Geſchichte angewieſenen Stellung eines Reformators des philoſophiſchen Denkens und dem Bilde beſteht, das man nach den gewöhnlichen Berichten von ihm in ſich trägt, behauptet Schleier⸗ macher, in der Schilderung des Sokrates liege nichts, was eine ſo hohe Meinung von ihm zu rechtfertigen ſcheine. Denn wie ſeine Vernachläſſigung und Verachtung der Forſchungen über die Natur auf eine beſchränkte wiſſenſchaftliche Anſicht hinweiſe, entbehre auch ſeine Ethik einer eigent lichen wiſſenſchaftlichen Grundlage wie Ausbildung. Von einem ſchlichten Moraliſten, als welcher Sokrates hier erſcheint, laſſe ſich wohl annehmen, daß er für die Tugend und Sittenreinheit, die er ſelbſt in ſeinem Leben ſo conſequent beobachtet, auch Andere begeiſtern könne, nicht aber, daß er im Stande ſei, dem wiſſenſchaftlichen Denken eines dazu hoch gebildeten Volkes neue Bahnen vorzuzeichnen. Die einſeitige Vertiefung in ethiſche Betrachtungen auf Koſten der anderen Zweige des Wiſſens bezeichne eher einen Rückſchritt, als einen Aufſchwung in der Philoſophie, welche es nicht mit den Einzelheiten, ſondern mit der Totalität des Wiſſens zu thun hat, wie denn auch dieſe Einſeitigkeit des Sokrates in keiner der bedeutenderen ſokratiſchen Schulen Nachahmung ge⸗ funden habe. Hieran knüpft ſich der Nachweis, daß auch in den früheren ſokratiſchen Schulen ein beſtimmter Einfluß der ſokratiſchen Philoſophie ſich nicht mit größerer Evidenz darthun laſſe, als ein Einfluß des Pythagoras, der Eleaten oder der Sophiſten, ſo daß nur noch der aller wiſſen⸗ ſchaftlichen Bildung entbehrende Cynismus des Diogenes, dieſe Carricatur der ſokratiſchen Ein⸗ fachheit, als diejenige Richtung übrig bleibe, welche wirklich ſokratiſchen Urſprung verrathe. So gelangt Schleiermacher zu der Anſicht, daß man ſich hier vor der Alternative befinde, entweder