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der Philoſophie oder— beſſer geſagt— in der Geſchichte der Philoſophen wiederkehrt, und die Geſchichtſchreiber ſind nicht müde geworden, uns ſogar den Anekdotenſtoff aus ſeinem Leben in größter Vollſtändigkeit zu überliefern. Wie klein und karg erſcheint nun im Verhältniß zu dieſer breiten Einfaſſung das Bild von dem, was ihm doch naturgemäß jene umfaſſende Bedeutung in der Geſchichte der Philoſophie verſchafft haben muß! Wie knapp und dürftig fließen uns die Nachrichten über die Philoſopheme zu, durch welche er ein neues, epochemachendes Licht in dem Reiche des Geiſtes angezündet haben ſoll! Wenn man auch geſagt hat, daß Sokrates ein ſpeculatives philoſophiſches Syſtem in dem Sinne, wie bei den anderen hervorragenden Philo⸗ ſophen davon geredet wird, nicht habe ſchaffen wollen, daß ſeine Philoſophie mehr in ſeinem Leben, als in ſeiner Lehre enthalten ſei, ſo reicht dies offenbar zur Erklärung jener auffallenden Erſcheinung nicht hin. Denn mögen auch diejenigen Sätze, in welchen ſich die ſokratiſche Tugend ausſpricht, von Seiten der ihnen zu Grunde liegenden Sittenſtrenge unſere größte Achtung und Bewunderung verdienen, ſo liefert doch dieſes Aggregat von moraliſchen Maximen bei weitem nicht den Ausweis für die durchgreifende philoſophiſche Bedeutung, welche Sokrates für Mit⸗ und Nachwelt zugeſchrieben wird. Noch weniger aber kann der Schwerpunkt ſeiner geiſtigen Einwirkung in dem praktiſchen Beiſpiel ſeines Lebens gelegen haben, weil ein ſolcher Einfluß ohne die be⸗ gleitende Lehre, welche die Grundſätze dieſes Lebens klarlegt, nicht denkbar iſt.—
Der natürliche Grund für jenen fragmentariſchen Charakter unſerer Kenntniß der ſokratiſchen Philoſophie liegt vielmehr darin, daß Sokrates ſelbſt kein ſchriftliches Denkmal ſeiner philoſophiſchen Thätigkeit hinterlaſſen hat und wir den Umfang derſelben nur nach den Berichten ermitteln können, welche, aus unmittelbarem Umgang mit Sokrates geſchöpft, oder ſpäter durch Ueberlieferung ent⸗ ſtanden, uns einen Einblick in die ſokratiſche Lehre gewähren. Solcher Schriften über Sokrates, und in ſokratiſcher Manier geſchrieben, gab es im Alterthum eine große Zahl, wie ſchon der Umſtand beweiſt, daß neun oder zehn Schulen ſich als ſokratiſche bezeichneten und ſich dieſer Be⸗ nennung theils durch Mittheilung, theils durch Nachahmung ſokratiſcher Unterredungen würdig zu zeigen verſuchten. Und dennoch ſchwankte man ſchon im Alterthum, wo man noch im Beſitz dieſer zahlreichen, jetzt zum großen Theil verloren gegangenen Schriften war, nur zwiſchen zwei Quellen, aus welchen man die Kenntniß des ſokratiſchen Philoſophierens ſchöpfte, zwiſchen den Berichten FKenophons und Platos, als derjenigen beiden Schüler des Sokrates, welche mit Liebe und Verehrung den Umgang des Meiſters bis an deſſen Tod gepflogen hatten und denen man daher die zuverläſſigſte Treue und das ſicherſte Verſtändniß in der Darſtellung ſeines Lebens und ſeiner Lehre glaubte zuſchreiben zu können. Wem unter dieſen Beiden aber im Alterhum der Vorzug gegeben worden ſei, dem hiſtoriſch treuen, aber verhältnißmäßig weniger philoſophiſch gebildeten Xenophon, oder dem mit dem bedeutendſten philoſophiſchen Talent ausgeſtatteten, aber gerade deßhalb weit über den ſokratiſchen Standpunkt hinausgeſchrittenen Plato, das läßt ſich keineswegs mit ſolcher Beſtimmtheit zu Gunſten des Erſteren entſcheiden, wie dies lange Zeit von den Verehrern der xenophontiſchen Denkwürdigkeiten behauptet worden iſt. Um nicht derjenigen Schriftſteller zu gedenken, welche die platoniſche Darſtellung inſoweit für authentiſch halten, daß ſie alles, was Plato in ſeinen Dialogen ſeinem Lehrer in den Mund legt, auch wirklich als ſo⸗ kratiſch gelten laſſen wollen, ſei hier nur auf Cicero hingewieſen, welcher ein gründliches Studium


