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Ueber die Philoſophie des Sokrates, mit beſonderer Berückſichtigung der Abhandlung Schleiermachers:„Ueber den Werth des Sokrates als Philoſophen).“
Wenn die Geſchichte der Philoſophie ſich nicht damit begnügt, bloß eine Darſtellung der philoſophiſchen Syſteme zu geben, ſondern uns auch mit dem Lebens⸗ und Bildungsgang der Schöpfer dieſer Syſteme bekannt zu machen verſucht, ſo beruht dieſes Verfahren auf der rich⸗ tigen Erkenntniß der Wechſelwirkung, welche zwiſchen den Lebensverhältniſſen und der Welt⸗ und Lebensanſchauung eines Menſchen beſteht. Wie ſich der Charakter nicht unabhängig von dem Einfluß der äußeren Umſtände entwickelt, ſo dienen dieſelben auch ſehr oft zur Erklärung der wiſſenſchaftlichen Theorie, wie auch umgekehrt der ſpätere Lebenslauf des Menſchen durch die bis dahin gewonnenen Anſchauungen nicht am wenigſten bedingt wird. Eben ſo natürlich finden wir es jedoch, daß dieſer biographiſche Hintergrund nur ſpärlich und nur einleitungsweiſe berückſichtigt wird und die Beſprechung dieſer äußeren Hülle gegen den Kern, der in der philoſophiſchen Lehre beſteht, zurücktreten muß. Anders geſtaltet ſich dieſes Verhältniß bei Sokrates, dem attiſchen Weiſen, welchem die Geſchichte eine ſo hohe Stellung anweiſt, daß ſie in ihm einen neuen Anfangs⸗ punkt für die philoſophiſche Bildung nicht bloß Athens, ſondern des Menſchengeſchlechts erkennt und an ihn die Betrachtung einer ganzen Reihe höchſt bedeutender Erſcheinungen anſchließt. Sein Leben liegt mit allen Einzelheiten faltenlos vor uns ausgebreitet und gleicht einem Buche, deſſen Inhalt ohne irgend eine Lücke der Ueberſchrift entſpricht. Wir werden über die Perſönlichkeit des Sokrates, ſeine bürgerliche und politiſche Thätigkeit, ſeine häuslichen Verhältniſſe, ſeine geſelligen Beziehungen und ſogar ſeine äußere Erſcheinung bis auf die Art und Weiſe ſeines Gehens und Stehens mit einer Ausführlichkeit unterrichtet, wie ſie nicht zum zweiten Mal in der Geſchichte
¹) Außer Schleiermacher haben die vorliegende Frage, mehr oder minder ausführlich, behandelt: l. Diſſen, de philosophia morali in Xenophontis de Socrate commentariis tradita.(Götting. 1812. — Kleinere Schriften S. 87 ff.)
2. Brandis, 1. Grundlinien der Lehre des Sokrates.(Rhein. Mus. I. S. 118— 150.) 2. Ueber die vor⸗ gebliche Subjectivität der ſokratiſchen Lehre.(Rhein. Mus. II. S. 85— 112.) 3. Handbuch der Geſchichte der Philoſophie.(II. 1. S. 1— 67.)
C. F. Hermann, Geſchichte und Syſtem der Platoniſchen Philoſophie.
„Zeller, Philoſophie der Griechen II. S. 12 ff.— Real⸗Encyclopädie ed. Pauly. Art.„Sokrates.“
. Roetſcher, Ariſtophanes und ſein Zeitalter. S. 393 ff.
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