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für echt: es iſt eine heitere Reminiscenz, an die Plaudereien der höheren Kreiſe Roms während des Feldzugs vom Jahre 15.
Alſo abgeſehen von dieſem Kriege hatte Rom ſchon manches Jahr Frieden gehabt und verdankte dieſen lediglich dem Walten des Auguſtus. Da war es denn Horaz, in deſſen Dichtungen wir einen getreuen Spiegel der Auguſteiſchen Zeit beſitzen, ein Bedürfnis, am Schluß des vierten Buches der Oden, welches wahrſcheinlich im Jahr 15 vor Chriſti herauskam, dem Weltgebieter einen Gruß zu ſenden.
Dieſe letzte Ode iſt eigenthümlich gebaut: Die erſte Strophe bis vela darem iſt eine Art Einleitung, die den Gedanken ausſpricht, den er in Betreff der Thaten des Agrippa in der 6. Ode des erſten Buches ausgeführt hat. Der Schluß der 4. Zeile tua, Caesar, aetas iſt gewiſſermaßen die Überſchrift der Ode, die demnach 7 Strophen zählt. Gerade in der Mitte dieſer ſteht nun diejenige Strophe, die den Hauptgedanken enthält (Custode rerum Caesare etc.), eine Anordnung, die wir früher(bei der 2. Ode des 1. Buches) ſchon haben kennen lernen: die drei vorher⸗ gehenden Strophen leiten dieſen ein, die drei letzten laſſen ihn ausklingen. Die zweite und dritte Strophe ſchildern, was Auguſtus durch ſein Wirken im Reiche bisher erreicht hat: der Acker⸗ bau blüht wieder im Reiche, die römiſchen Adler und Fahnen, die einſt Craſſus und Antonius an die Parther verloren hatten, ſind von dem Könige Phraates den Römern zurückgegeben und der Janustempel, deſſen Thore in Kriegszeiten offen ſtehen, iſt geſchloſſen, weil an allen Grenzen Friede herrſcht. Nunmehr erwähnt der Dichter drei Erſcheinungen, die ſich auf das ſittliche Leben des Volkes beziehen: Auguſtus hat der ſtets wachſenden Sittenloſigkeit Zügel angelegt. Hier— über ſpricht ſich der Dichter in der 5. Ode des 4. Buches ausführlicher aus;(dieſe iſt überhaupt zur Vergleichung heranzuziehen, da ihr Thema ein ganz ähnliches iſt, wie das dieſer letzten Ode.) Durch die Bändigung der Sittenloſigkeit iſt die Schuld beſeitigt, die bis dahin die Römer ſich
aufgeladen haben und auch die alte Zucht, die echte virtus Romana wieder hergeſtellt, die die eigentliche Urſache der römiſchen Größe und Herrlichkeit war. Daß Roms weltgebietende Macht allen Völkern, die an den Grenzen des Reiches wohnten, gewaltig imponierend erſchien, läßt ſich ja leicht denken: ſie war im fernen Oſten an den Ufern des Indus ebenſo gefürchtet als im Weſten an den Ufern des Rheins und der Donau. Die fünfte oder nach der oben ge⸗ gebenen Erklärung vierte Strophe
Custode rerum Caesare non furor
Civilis aut vis exiget otium,
Non ira quae procudit enses
Et miseras inimicat urbes enthält nun den Hauptgedanken: es iſt das für das Reich durch die Herrſchaft des Auguſtus ge— wonnene Endergebnis: es herrſcht Friede und Ruhe: wütende Bürgerkriege und Gewalt⸗ thaten ſind nicht mehr zu fürchten im Innern des Reiches und Ausbrüche wilder Parteileiden⸗ ſchaft, die früher oft nachbarliche Städte zu Kämpfen und Kriegen gereizt hatten, kommen nicht mehr vor.
Die Wirkungen dieſer ſtarken Friedensherr⸗ ſchaft zeigen ſich ferner auch an den äußeren Grenzen des Reiches. An der Donau wohnten damals die Daker; die Geten ſcheinen einen Teil davon gebildet zu haben; damals waren dieſe Völker noch frei und unabhängig, obſchon ſich der römiſche Einfluß namentlich durch den Handelsverkehr ſchon bemerklich machte. Mit dem Namen Seres bezeichneten die Römer die Einwohner des Innern von Aſien, von denen durch Handelsleute hin und wieder Nachrichten nach Rom kamen. Die infidi Persae ſind jeden⸗ falls die Parther. Bei Horaz laufen die Namen Meder, Perſer, Parther bunt durcheinander: es iſt leicht begreiflich, daß alle, die nicht etwa den Oſten aus eigener Anſchauung kannten, keine deutliche Vorſtellung von der Lage der Länder, in denen die genannten Völker wohnten, ſowie von den nationalen Verſchiedenheiten derſelben hatten. Es ging den meiſten Römern wahrſcheinlich mit


