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ſchwunden. Da blieb alſo nichts anders übrig, als den Freuden des Lebens zu huldigen.
Eins dürfen wir dabei nicht vergeſſen: was wir„Arbeit“ nennen, kannten die Römer, ab⸗ geſehen von der Thätigkeit im Staatsleben, ganz . und gar nicht; die bekannten Worte Schillers
„Arbeit iſt des Lebens Zierde,
Segen iſt der Mühe Preis;
Ehrt den König ſeine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß“ wären einem echten Römer ganz unverſtändlich geweſen; ſein einziges Arbeitsfeld war das imperium Romanum geweſen; dieſes aber war ihm jetzt entzogen, wenn er nicht etwa an den fern gelegenen Grenzen für die Erweiterung des Reiches kämpfen wollte. Was Horaz den in Rom verweilenden jungen Herren zuruft, können wir mit dem bekannten Volksliede ausdrücken:
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht;
Pflücket die Roſe,
Eh' ſie verblüht. Freilich, wohin das auf die Dauer führen mußte, darüber machte ſich Horaz damals wenigſtens, als er dieſe Oden ſchrieb, noch keine weiteren Gedanken. Lange allerdings konnte die Sorge nicht ausbleiben, daß in dieſem Genußleben der letzte Reſt der Römerkraft zu Grunde gehen müſſe. Und in der That erhebt der Dichter auch be⸗ reits im dritten Buche der Oden nachdrücklich ſeine Stimme, um ſeine Zeitgenoſſen zu warnen; die ſechs erſten Oden des dritten Buches, die ſogenannten Römeroden, warnen ſchon in der nachdrücklichſten Weiſe vor dem mächtig herein brechenden Sittenverfall, der beſonders in der ſechſten ſchon als arg genug geſchildert wird.
Hiermit ſchließe ich meine Bemerkungen zu
den acht Oden des erſten Buches. Ich will hier nur noch betonen, daß es durchaus nicht meine Abſicht war, dieſelben nach allen Seiten hin zu beſprechen; nur einzelne Punkte, die bisher, ſo viel mir bekannt geworden, entweder gar nicht oder doch nur nebenbei von den Heraus⸗
gebern des Horaz hervorgehoben ſind, habe ich einer näheren Betrachtung unterzogen.
Zum Schluß will ich die fünfzehnte Ode des vierten Buches einer kurzen Beſprechung unter⸗ ziehen. Dieſe ſteht nämlich in der nächſten Be⸗ ziehung zu der zweiten Ode des erſten Buches. In dieſer begrüßt er, wie wir geſehen haben, den Auguſtus als den von allen Völkern jener Zeit erwarteten„Weltheiland;“ in der Schlußode des vierten Buches feiert er ihn als den„Friedensfürſten,“ der die auf ihn geſetzten Hoffnungen des römiſchen Volkes voll und ganz erfüllt hat. Allerdings waren im Jahre 15 v. Chr. die nördlich der Alpen ge— legenen Länder Rhätien und Vindelicien von den Stiefſöhnen des Auguſtus, Druſus und Tiberius, erobert worden und Horaz hatte nicht verfehlt, dieſe Siege in zwei ſchwunghaften Oden, der vierten und der vierzehnten des vierten Buches zu preiſen. Allein dieſer Krieg ſcheint in Rom nicht viel Beſorgnis erregt zu haben; die Alpen bildeten für Italien einen gar mächtigen Wall, ſo daß alles, was jenſeits derſelben vorging, ihnen ziemlich gleichgültig war. Auch war der Krieg, für den Auguſtus ſeine Stiefſöhne mit ſtarken Heeresmaſſen ausrüſtete, binnen Jahres⸗ friſt beendet. Man hatte allerdings in Rom viel über die Rhätier und Vindelicier geredet, allein nicht etwa von ihrer Macht, Tapferkeit u. dgl., ſondern von allerlei AÄußerlichkeiten, z. B. von dem amazoniſchen Beil derſelben, einer Waffe, die offenbar den Römern ganz fremdartig vorkam. Das erinnert lebhaft an die franzöſiſchen Chaſſepots im Jahre 1870, die in Deutſchland allgemein mit dem größten In⸗ tereſſe betrachtet wurden.(Etwas Ähnliches wäre in den Jahren 1813—15 bei den Deutſchen ſchwerlich vorgekommen, damals waren die Zeiten viel zu ernſt, als daß man ſich um ſolche Außer⸗ lichkeiten hätte kümmern ſollen.) Viele Erklärer des Horaz wollen die Worte von quibus bis omnia(V. 11—21) beſeitigen, da ſie dieſelben als ein ganz ungehöriges Einſchiebſel von fremder Hand anſehen: ich halte die Stelle unbedingt


