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die Zeit hinzubringen und ſich einen Namen zu machen. Wer aber den Anſtrengungen und Mühſalen der Feldzüge gewachſen ſein wollte, mußte in ſeiner Jugend die erforderlichen Leibes⸗ übungen mit nachhaltigem Ernſt getrieben haben. Das geräumige Marsfeld war für die jungen Römer gewiſſermaßen der allgemeine Turn- und Exerzierplatz. Nun mochte es aber wohl öfters vorkommen, daß ein junger Römer, der eine Zeitlang ſich mit allem Eifer an den Übungen im Reiten, Schwimmen, Speerwerfen, Fechten u. ſ. w. beteiligt hatte, von einer hübſchen Griechin ſich bethören ließ und von ihren Banden gefeſſelt einem weichlichen Genußleben ſich ergab. Dieſem ruft der Dichter zu, daß er ſich er— mannen und nicht die ihm verliehene Kraft in nichtigem Getändel vergeuden ſolle. Mancher hat das Zeug dazu, eine Art Achill an Kraft und Schnelligkeit zu werden; aber dazu gehören ſtete Übungen, ſonſt„verliegen“ ſie ſich, wie ein treffliches mittelalterliches Wort das unvermerkte Sinken der Heldenkraft bei längerem Brachliegen bezeichnet. Sybaris ſchwebt auch in der Gefahr ſich zu verliegen; darum warnt der Dichter ihn und alle jungen Römer, die es ähnlich wie jener trieben, vor dieſer Gefahr und fordert ſie auf, zu dem früheren thatkräftigen Leben zurückzukehren. Lydia freilich wird in der Ode angeredet; ge— richtet iſt ſie aber an die ganze Schar der jungen Sybariten in Rom, die den Verlockungen der üppigen Welthauptſtadt nachhaltig zu wieder⸗ ſtehen nicht ſtark genug waren.
Die 9. Ode endlich iſt eine Art von Gegen⸗
ſtück zur vierten: jene iſt eine Winterode, dieſe eine Frühlingsode. Auch der Gedankengang iſt ein ganz ähnlicher: auf die Schilderung der Jahreszeit folgt die Mahnung das Leben fröhlich zu genießen. Der Soracte iſt ein Berg, den man von Rom aus ſehen konnte und der, da er eine ziemliche Höhe erreicht, im Winter nicht ſelten mit Schnee und Eis bedeckt erſchien. Übrigens muß der Winter, in dem dieſe Ode verfaßt iſt, ein ungewöhnlich ſtrenger geweſen ſein: daß die Flüſſe„ſich ſtellen“, d. h. voll⸗
ſtändig zufrieren und daß die Wälder von dem laſtenden Schnee bedroht werden oder gar zu⸗ ſammenbrechen, iſt in Italien doch immerhin eine ſeltenere Erſcheinung. Da gilt es nun ſowohl den äußeren Menſchen als auch den inneren zu erwärmen, jenen durch loderndes Feuer im Kamin, dieſen durch Wein. Nun folgen die beiden Hauptſtrophen, die einen Rath enthalten, der bei jeder irgend günſtigen Gelegenheit bei Horaz immer wiederkehrt: überlaß die Zukunft den Göttern, die ſowohl in dem Naturleben wie im Menſchenleben die entſcheidende Rolle ſpielen. Jeden Tag, der dir geſchenkt wird, betrachte als Gewinn: er ladet dich ein, dein Leben, ſo lang du noch jung biſt, fröhlich zu genießen; im Alter hört das auf, der Greis iſt mürriſch und verdrießlich. Die letzte Strophe iſt in ihrer Wortſtellung ſehr bemerkenswerth: es folgen im erſten Vers drei Adjektiva latentis proditor intimo unmittelbar auf einander, denen im zweiten die dazu gehörigen Subſtantiva puellae risus ab angulo in derſelben Reihenfolge ſich anſchließen. Der Reichthum der lateiniſchen Sprache an Deklinationsformen erlaubt dieſe eigenthümliche Stellung, da ein Mißverſtändnis durch falſche Verbindung der Begriffe völlig aus⸗ geſchloſſen iſt.
An dieſe Ode nun ſchließen ſich in bunter Reihe nun die übrigen Oden des Buches an; bei dieſen ſcheint mir ihre Stellung nicht mehr ſo mit Abſicht beſtimmt zu ſein, wie bei den erſten neun Gedichten. Dieſe aber dienen, wie wir geſehen haben, einem ganz deutlich erkenn⸗ baren Zwecke; ſie treten für Auguſtus und ſeine Herrſchaft ein und fordern die Römer auf ſich mit der neuen politiſchen Ordnung der öffent⸗ lichen Angelegenheiten zu befreunden und den jetzt im Reiche herrſchenden Frieden, den ſie eben dem Auguſtus verdanken, in heiterer Weiſe zu genießen. Das einzige Ideal, das in früheren Jahrhunderten der vornehmen römiſchen Jugend vorgeſchwebt hatte: ſelbſtändige, wirkſame Teil⸗ nahme an der Leitung und Verwaltung des unermeßlichen Römerreiches, war jetzt dahinge⸗


