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beſaß hier eine Villa, deren ſchattige Umgebung gerade im Sommer ſehr einladend war. Er ſcheint zur Zeit der Abfaſſung des Gedichtes noch im Felde geſtanden zu haben; darauf weiſt das Präſens castra tenent und des Futurum umbra tenebit hin; er mochte ſeinen Wunſch nach Tibur zu gehen in irgend einer Weiſe geäußert haben.
Die Anrede an M. Plancus leitet Horaz durch einen Vergleich ein: wie der Südweſt oft aufklärend die Wolken vom dunklen Himmel wegfegt und nicht immer Regengüſſe herbeiführt, (was er ja ſonſt gewöhnlich thut), ſo verſcheuche auch du deinen Mißmuth und alles, was dich verdrießt, auf deiner Villa mit Wein, der die Stimmung aufheitert. Mache es wie Teucer: als dieſer von Troja zurückgekehrt von ſeinem Vater Telamon, dem Fürſten von Salamis, des Landes verwieſen wurde, weil er den Tod ſeines Bruders Ajax nicht verhütet noch gerächt habe, hielt er mit ſeinen zunächſt doch traurig geſtimmten Gefährten ein Weingelage ab, bei dem er dieſe aufforderte, ſeiner Führung zu vertrauen: der untrügliche Apollo habe ihm verſprochen, daß er in einem anderen Lande ein neues Salamis gründen werde. Ambiguam Salamina ſagt der Dichter, weil ſpäter, wenn Salamis genannt werde, man nicht wiſſen könne, welches von beiden gemeint ſei.(Ähnliches haben wir in Deutſch⸗ land: wenn z. B. die Stadt„Münſter“ genannt wird, ſo weiß man unter Umſtänden nicht, welches Münſter gemeint iſt, Münſter am Stein oder Münſter in Weſtfalen.)
Die Worte
O fortes pejoraque passi
Mecum saepe viri konnten Munatius und andere Männer leicht auf ſich anwenden: bis dahin war ihr Leben in den unruhigen Zeiten gewiß auch nicht heiter und ungeſtört dahingefloſſen; jetzt war wenigſtens Ruhe im Reiche; und wenn ſie auch nicht wußten, was die Zukunft bringen werde, ſo brauchten ſie ſich doch für den Augenblick keine Sorge zu machen.
Das Wort des Teucer nunc vino pellite curas
iſt ſachlich ganz daſſelbe, was der Dichter vorher ſeinem Freunde geſagt: sapiens finire memento tristitiam molli mero. Der Schluß: cras ingens iterabimus aequor iſt eine Wendung, die auf die Ungewißheit hinweiſt, die das damalige römiſche Staatsleben charakteriſierte: wie man beim Beginn einer Seefahrt niemals weiß, welchen Verlauf ſie nehmen wird, ebenſo konnte man damals in Rom unmöglich wiſſen, was die Zukunft noch bringen werde. Es war geraten, einſtweilen die Dinge gehen zu laſſen, wie ſie eben gingen und die friedlichen Zeiten durch fröhlichen Lebensgenuß auszubeuten. Ob der Dichter bei dem Verſe: Nil desperandum Teucro duce et auspice Teucro nicht an Auguſtus ſollte gedacht haben? Mir ſcheint es faſt ſo. Das alte Salamis wäre dann ein Bild für die alte republikaniſche Zeit, das neue Salamis für die Staatsform, die ſich nach und nach unter der Leitung des Auguſtus bildete d. h. auspiciis Augusti.
Die 8. Ode„ad Lydiam“ bildet eine Art Ergänzung zu der vorhergehenden. Wenn der Dichter in dieſer zu frohem Lebensgenuß auf⸗ fordert, ſo warnt er hier vor dem Übermaß, welches Entnervung hervorruft. Schon die beiden Namen Lydia und Sybaris ſind höchſt bezeichnend: die Lydier wie die Sybariten waren im Altertum berüchtigt wegen ihrer aus⸗
ſchweifenden, nur auf üppigen Lebensgenuß ge⸗
richteten Lebensweiſe; ſelbſt heute noch wird das Wort„ſybaritiſch“ oft genug in dieſem Sinne gebraucht. Die römiſche Jugend ſoll durch emſig betriebene Leibesübungen ſich Gewandtheit, Kraft und Fertigkeit im Gebrauche der Waffen er⸗ werben; denn dann wird ſie imſtande ſein auf Kriegeszügen ſich Geltung und Ruhm zu gewinnen. Thatſächlich war damals für die jüngere Männer⸗ welt in Rom die Teilnahme am Kriege, der an den weit ausgedehnten Grenzen des Reiches faſt niemals aufhörte, das einzige Mittel, in einer dem echten Römerſinne entſprechenden Weiſe


