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iſt Mitylene auf Lesbos; dieſe Stadt iſt dem Horaz beſonders werth als die Heimath der beiden Dichter, denen er vor allem nacheiferte: Alcäus und Sappho. Dann folgen Epheſus und Korinth, die als reiche Handelsſtädte jedenfalls manche Prachtbauten(moenia) aufwieſen und durch die üppigen Genüſſe, die ſie den Fremden boten, ſicherlich manchen zu längerem Aufenthalt verlockten. Dann nenntder Dichter zwei Städte, die zuden bekannteſten in Griechenland gehören, Theben und Delphi; zu beiden fügt er den Namen eines Gottes, deſſen Mythus ſich hauptſächlich an dieſe Städte knüpft: vel Baccho Thebas vel Apolli- ne Delphos insignes. Bacchus iſt der Sohn des Zeus und der Semele, der Tochter des thebaniſchen Königs Kadmos. Sie fand ihren Tod in den Armen des Zeus, als ſie von der eiferſüchtigen Hera verleitet, den Zeus bat, in ſeiner ganzen göttlichen Herrlichkeit ihr zu er— ſcheinen. Unſer Schiller hat bekanntlich in einem eigenartigen Gedichte den Untergang der Semele geſchildert. Daß griechiſche Dichter den Stoff, der ſo anſchaulich den gewaltigen Unterſchied zwiſchen dem Göttlichen und Menſchlichen dar— ſtellt, öfters behandelt haben, läßt ſich leicht denken. Delphi iſt durch das Orakel des Apollo, welches wohl am meiſten von allen Orakelſtätten beſucht wurde, weithin berühmt geworden. Dann nennt der Dichter das theſſaliſche Thal Tempe; es iſt dies die Gegend, wo der Hauptfluß des Landes, der Peneus, zwiſchen den Bergrieſen Olymp und Oſſa ſich einen Weg in das Meer gebahnt hat. Die wilde Großartigkeit dieſer Schlucht zog jedenfalls viele Reiſende an. Freilich die Phantaſie der deutſchen Dichter des vorigen Jahrhunderts hat aus Tempe ein idylliſch reizendes, landſchaftlich ſchönes Thal gemacht und dieſe Vorſtellung ſcheint auch heutzutage noch ſehr verbreitet zu ſein.
Nachdem nun der Dichter in den drei folgenden, bereits beſprochenen Verſen der Stadt Athen gedacht hat, führt er weiter zwei nahe bei ein⸗ ander liegende Städte, Argos und Mycenä an: plurimus iſt jedenfalls nichts anders als„gar
mancher;“ mag auch ſonſt der Singular nicht in dieſer Weiſe vorkommen, ſo ſcheint es doch unzweifelhaft, daß mit dieſem Worte nur die Reihe: alii(v. 1), sunt quibus(v. 5) fortgeſetzt werden ſoll. Aptum equis iſt eine Überſetzung des ſo zu ſagen ſtehenden Beiworts der Stadt Argos 1m 66 ο. Eigenthümlich iſt es, daß Horaz hier auch das„reiche Mycene“(ditesque Mycenas) nennt: es iſt das offenbar eine Er⸗ innerung an Homer, der mehr als einmal TroAνυυο Mevmwijvh erwähnt: ſchon im Jahre 468 vor Chriſti Geburt wurde die Stadt von ihren Nachbarn, den Einwohnern von Argos und Tegea angegriffen und wenigſtens teilweiſe zerſtört, ſo daß ſich die Einwohner zerſtreuten; aber noch in ihren Ruinen machte die Stadt einen gewaltigen Eindruck, ſo daß Pauſanias ſich veranlaßt ſah dieſelbe eingehend zu beſchreiben. Bekanntlich hat auch in unſerer Zeit der be— rühmte Altertumsforſcher Schliemann in Mycene Ausgrabungen veranſtaltet und überraſchende Funde gemacht, die das Epitheton Gites voll— ſtändig rechtfertigen: goldene Diademe, Becher, Gehänge, Haarnadeln, Figuren u. dgl. aus Gold⸗ blech ſind bekanntlich dort von ihm wie auch ſpäter noch vor wenigen Jahren in Menge ge⸗ funden; ſie ſtammen offenbar ausſehr alten Zeiten.
Zuletzt nennt noch der Dichter zwei griechiſche Städte, die freilich weit auseinander liegen, Lacedämon und Lariſſa, beide wieder durch ein Beiwort charakteriſiert: jenes= patiens, abge⸗ härtet(nach den Geſetzen Lycurgs), dieſes= opima, weil Theſſalien in ſeinen ſchönen Thälern reiche Getreidefelder trug. Es ſind alſo im ganzen zwölf griechiſche Städte, die der Dichter in wohl⸗ bedachter Reihenfolge und mit zweckdienlicher Bezeichnung dem einen Tibur mit ſeiner Um⸗ gebung entgegenſtellt. Tibur iſt eben eine italieniſche Stadt, nicht weit von Rom in einer reizenden Landſchaft am Anio mit ſeinen herr⸗ lichen, auch heutzutage noch bewunderten Waſſer⸗ fällen gelegen. Viele reiche Römer hatten in dieſer Gegend Landhäuſer, die ſie gern während der heißeren Jahreszeit aufſuchten. Auch M. Plancus


