Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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und wie dieſem, ſo ſicherlich auch vielen andern Römern. Richtet Horaz alſo dieſe Ode an Munatius, ſo dachte der Dichter doch offenbar auch an zahl⸗ reiche andere Männer, die mit jenem in gleicher Lage und Stimmung waren. Somit bekommt das Gedicht eine allgemeinere Bedeutung; Mu⸗ natius vertritt eine gewiß nicht unbedeutende Anzahl und Klaſſe von Menſchen, die ſich noch nicht zurechtfinden konnten. Ob Horaz den vorhin bezeichnetenlyriſchen Sprung nicht mit voller Abſicht gemacht hat? Mir will es faſt ſo ſcheinen. Munatius und die ihm gleich geſtimmten Männer mußten entſchloſſen einen Sprung von der einen Partei zur andern machen, ohne ſich lange zu beſinnen und mit vielen Bedenken abzuplagen.

Über den etwas breit gerathenen Anfang be⸗ merke ich Folgendes. Die römiſchen Männer jener Zeit befaßten ſich, um ihre Zeit auszufüllen, vielfältig mit Schriftſtellerei. Horaz ſchildert dieſes in ſehr anſchaulicher man möchte faſt ſagen humoriſtiſcher Weiſe epist. II, 1, 108 u. flg. Mutavit mentem populus levis et calet uno Scribendi studio; pueri patresque severi Fronde comas vincti coenant et carmina dictant. und Vers 117 ſagt er: Scribimus indocti doctique poemata passim. Früher war mens populi auf die Staatsange⸗ legenheiten gerichtet geweſen und fühlte ſich durch ſeine wenn auch im letzten Jahrhundert nur ſcheinbare Theilnahme an der Weltherrſchaft ge⸗ nügend beſchäftigt und befriedigt. Das war nun anders geworden und ſo ſuchte man in Rom nun andere Beſchäftigung, man fing an zu ſchreiben und zu dichten. über römiſche Dinge zu ſchreiben, war immerhin bedenklich: da konnte dem Schreiber leicht ein Wort entſchlüpfen, das dem Machthaber und deſſen nächſten Freunden doch unbequem und verdrießlich war. Da war es alſo mehr gerathen ſich nach Griechenland zu wenden, und die Stoffe aus dieſem neutralen Gebiete zu nehmen.

Die Römer reiſten bekanntlich gern und viel nach Griechenland, dem Mutterlande aller höheren Bildung. Athen war gewiſſermaßen für die

römiſchen Jünglinge die Univerſität, in der ſie für längere Zeit die Vorträge der dort lebenden Philoſophen u. a. hörten. So war bekanntlich auch Horaz im Jahre 44, als Cäſar ermordet wurde, alſo in ſeinem 21. Lebensjahre, einem Alter, in welchem auch heutzutage noch die höher ſtrebende Jugend auf Hochſchulen zu leben pflegt, in Athen mit Studium beſchäftigt. Weil nun Athen von den griechiſchen Städten den Römern am bekannteſten war, widmet der Dichter dieſer Stadt drei Verſe, während faſt alle übrigen nur mit einem kennzeichnenden Beiwort bedacht werden. Die Hauptſtadt von Attika iſt eben der Göttin Pallas Athene geweiht. Carmine perpetuo heißt entweder: immerfort in ihren Liedern verherr⸗ lichen ſie Athen, oderin einem Kranze von Liedern. Fronti iſt nicht etwa die Stirn des Dichters, wie es oft verſtanden wird, ſondern wir haben an ein Standbild der Stadt Athen zu denken, dem Olivenkränze geweiht werden. Man vergleiche damit die Huldigungen, welche im Jahre 1870 die Pariſer dem Standbild der Stadt Straßburg, welche ſich unter Leitung des Generals Uhrich ſo tapfer gegen die deutſchen Truppen unter General v. Werder wehrten, darbrachten: täglich wurden Kränze und Blumen ſträuße auf den Stufen des Standbildes der Stadt Straßburg niedergelegt.

Daß die Römer bei ihren Reiſen in Griechen⸗ land auch andere Städte beſuchten und näher kennen lernten, iſt ſelbſt verſtändlich. Alle Städte, die Horaz nennt, waren den höher gebildeten römiſchen Kreiſen jedenfalls ſehr wohl bekannt. Wenn er zuerſt Rhodos nennt, ſo hat das jedenfalls ſeinen Grund darin, daß dieſe Inſel, die in der klaſſiſchen Zeit Griechenlands noch etwas zurück tritt, in der Zeit nach Alexander dem Großen eine bedeutende Rolle ſpielte, ſowohl in politiſchen Dingen, wie im Handel und Verkehr. Bekannt⸗ lich lebte der ſpätere Kaiſer Tiberius, der Nachfolger des Auguſtus, volle 7 Jahre auf Rhodos, und wie er mochten es manche vor⸗ nehme Römer machen, denen es eben in Rom nicht gefiel. Die zweite Stadt die Horaz nennt,