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dieſen Dingen ſo, wie es heutzutage vielen ge— bildeten Deutſchen mit den Staaten der nord⸗— amerikaniſchen Union geht. Trotzdem daß in keinem Hauſe ein Atlas fehlt, würden doch die meiſten in Verlegenheit kommen, wenn ſie auf— gefordert würden, der Reihe nach die einzelnen Staaten aufzuzählen. Auch die Völker am Tanais(Don) die Seythen, waren den Römern nur dem Namen nach bekannt.
Die beiden letzten Strophen endlich ſagen, was nunmehr die Römer thun können und thun werden. An Feſttagen wie an Werkeltagen werden ſie mit ihren Weibern und Kindern beim fröhlichen Mahle die Großthaten der früheren heldenmüthigen Führer beſingen. Daß lödiſches Flötenſpiel die Lieder begleiten ſoll, iſt bezeichnend; die lydiſche Tonart zeichnete ſich durch Weichheit und ſanften Schmelz aus; zu kräftigen Thaten ſpornte ſie nicht an. Singen ſollen ſie von Troja, Anchiſes und dem Sprößling der holden Venus, dem Aeneas; denn deſſen Sohn iſt Julus, der mythiſche Stammvater des Iuliſchen Geſchlechtes, dem Auguſtus infolge ſeiner Adoption ange⸗ hörte. Dieſe Themata erinnern lebhaft an die Oden Klopſtocks, in denen er den Cherusker Hermann, den Sieger in der Teutoburger Schlacht beſingt. Wollte er von deutſcher Freiheit und Heldengröße ſingen, ſo mußte zu dieſen uralten Zeiten zurückgreifen: denn dem ſiegreichen Feld⸗ herrn ſeiner Zeit, Friedrich dem Großen, ſtand er fern, und die Heldenkaiſer des Mittelalters, die Sachſen und die Hohenſtaufen, waren da⸗ mals faſt vergeſſen. Dieſen Klopſtockſchen Liedern wären alſo die von Horaz erwähnten Lieder über Troja und Anchiſes ähnlich geweſen. Und wahr⸗ ſcheinlich wurden ſolche damals auch in Menge verfaßt. Ich erinnere an die oben aus der 2. Epiſtel des 2. Buches angeführten Verſe:
pueri patresque severi Fronde comas vincti coenant et carmina dictant. Das mögen freilich der Form nach carmina geweſen ſein aber jedenfalls waren es ſolche, die etwa den in dem erſten Drittel des vorigen
Jahrhunderts entſtandenen Gedichten der dama⸗ ligen Poeten ähnlich waren. Sie und ihre Ver⸗ faſſer ſind längſt vergeſſen.
Noch eine Bemerkung möchte ich machen, die vorliegende Ode iſt ein loyales Preisgedicht zu Ehren des Kaiſers; es iſt außerordentlich kunſt— voll gebaut und ſchön gegliedert. Allein jene Herzenswärme, die in unſern modernen Königs⸗ liedern ſich oft ſo kebhaft ausſpricht, iſt nicht darin zum Ausdruck gekommen. Das iſt freilich in der 5. Ode dieſes Buches thatſächlich ſchon weit mehr der Fall. Damals beſtand noch nicht das magiſche Band der man möchte ſagen unbewußten Unterthanentreue und Liebe, welches die Bürger an das angeſtammte Herrſcherhaus knüpft. Die Hohenzollern und die Habsburger z. B. ſind mit ihren Völkern Jahrhunderte lang verbunden, haben Freud und Leid, Siege und Niederlagen mit ihnen getheilt; das wechſelnde Schickſal hat ſie feſt aneinander geſchmiedet. Zur Zeit des Horaz konnte ein ähnliches Ver⸗ hältnis im Römerreiche noch erſt in ſeinen erſten Anfängen ſein; allerdings, als Auguſtus nach vier⸗ undvierzigjähriger ruhmreicher Regierung im Alter von etwa 76 Jahren ſtarb, war es anders ge⸗ worden; daß ihm Volk und Senat ſchon früher einſtimmig den Titel pater patriae gab und er ſelbſt mit Thränen in den Augen dieſen annahm, beweiſt hinreichend, daß er den Römern lieb und werth geworden war.
Ich laſſe nunmehr dieſe Ode in der Gruppirung, wie ſie ohne Zweifel dem Horaz vorgeſchwebt hat, folgen. Ob er ſie wirklich in dieſer Geſtalt dem Herrſcher überreicht hat, läßt ſich unmöglich entſcheiden; möglich wäre es immerhin. Ein organiſatoriſches Talent beſaßen die Römer in hohem Maße und in der Anordnung der Oden bekundet Horaz, daß auch er durchaus nicht gleich⸗ gültig dabei iſt, an welchem Platze der Samm⸗ lung ſie ſtehen. Die gewählten Farben entſprechen dem Inhalt der einzelnen Strophen, wie der Leſer gleich auf den erſten Blick ſehen wird.


