Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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freiheitliche Verfaſſungen, Teilnahme des Volkes an der Geſetzgebung u. ſ. w. in Ausſicht geſtellt. Nachdem aber Napoleon geſtürzt und der Friede geſichert war, dachten die Fürſten und ihre Staats⸗ männer, zumal in den größeren deutſchen Staaten, gar nicht daran, ihre Verſprechen auch zu halten. Es blieb alles hübſch beim Alten. Den Gefühlen vieler freiheitliebenden Männer gab Uhland in dem genannten Liede einen treffenden poetiſchen Ausdruck. Wie Uhlands Lied an das Volk und die Fürſten gerichtet iſt, ſo Horazens Ode an das Volk, d. h. den Teil desſelben, dem die neue Ordnung der Dinge noch nicht zuſagen wollte. Schließlich gehe ich noch auf einige Einzel

heiten ein, die die Richtigkeit einer allegoriſchen Auffaſſung deutlich hervortreten laſſen. Quis gracilis puer: gerade die junge Welt machte ſich von der Republik die ſchönſten Vorſtellungen, ſie mochten an die Zeiten des Fabius Maximus, des Curius Dentatus und ähnliche denken und die Vorſtellungen von jenen ruhmvollen Zeiten auch auf die ſpäteren übertragen: ſie ſchwärmten Multa in rosa grato sub antro für ſie und dichteten ihr alle möglichen Vorzüge an:

Cui flavam religas comam

Simplex munditiis?

Aber der Dichter warnt vor ihr: Heu quotiens fidem Mutatosque deos flebit!

Dem launenhaften Volke war nicht zu trauen: bei fidem haben wir ein mutatam hinzuzudenken; wir kennen ja aus der erſten Ode die turba mobilium Quiritium. Die unruhigen leicht zu ſtimmenden Volksverſammlungen vergleicht der Dichter im Folgenden mit dem vom wilden Sturme aufgewühlten Meere. Ein ſolcher Ver⸗ gleich liegt in der That ſehr nahe. et aspera Nigris aequora ventis Emirabitur insolens.

Das insolens ungewohnt bezeichnet nicht anders als die Befremdung und das Staunen, das die jungen Männer befallen würde, wenn ſie einmal

in einer Volksverſammlung, wie ſie früher ſo oft ſich geſtaltete, hätten anweſend ſein können.

In der 3. Strophe bezieht ſich das te kruitur auf das Phantaſiebild, für das die junge Welt ſchwärmte, das ihr ſogoldig erſchien.

Qui semper vacuam, semper amabilem

Sperat: vacuam: frei für ſie nur ihnen angehörig; amabilem: liebevoll ihnen zugethan, ſo daß nur ſie die dauernd Erkorenen ſein würden. Allein ſie ſind

nescius aurae Fallacis.

Dieſe aura fallax iſt nichts anders als die aus der früheren Zeit ſo wohl bekannte aura popu- laris. Die Volksgunſt ſchlug um wie der Wind, deſſen Unbeſtändigkeit ſo groß iſt, daß er in kurzer Zeit oft alle Richtungen der Windroſe durchläuft.

Wer das Vorſtehende ins Auge faßt, wird ſchwerlich Bedenken tragen, die allegoriſche Be deutung der Ode anzuerkennen. Der neueſte höchſt gelehrte Bearbeiter des Horaz, Bobrick, hat offenbar aus derſelben gerade an ihrer Stelle nichts machen können und ſie einfach ausgelaſſen.

Gehen wir nun zur folgenden Ode, der ſechſten über, ſo wird uns bald klar, warum ſie gerade an dieſer Stelle ſteht. Agrippa iſt eben einer der Hauptvertreter der neuen Ordnung: er iſt der Feldmarſchall und Admiral des neuen Kaiſers, ein gewaltiger Kriegsheld.(Später in Friedenszeiten machte er ſich um das Reich auch noch in anderen Dingen ſehr verdient, allein darüber konnte Horaz damals, als er dieſe Ode ſchrieb ſetwa 29 oder 28 vor Chriſti) noch nichts ſagen). Er iſt kein gracilis puer multa in rosa, von dem in der vorigen Ode die Rede war, er iſt kein Mann, der für nichtige Phan⸗ taſiegebilde ſchwärmt, ſondern ein Mann der That. Was er zu Waſſer und zu Lande geleiſtet hat, iſt ſo großartig, daß es verdiente in einem Epos, wie Varius eines geſchrieben, verherrlicht zu werden; es gäbe Stoff zu einer neuen Ilias oder Odyſſee, oder aber auch zu einer Reihe von Dramen, wie die griechiſchen ſind, die die wechſel⸗