Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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an denen ſie ihr Auge weideten. Dieſe griechiſche Sitte überträgt nun Horaz auch nach Rom, wo diejenigen Männer, die dem neuen, namentlich auch durch Horaz vertretenen Zeitgeiſte huldigten, in ähnlicher Weiſe ihr Gefallen an ſchönen Jugendgeſtalten äußern mochten.Altrom und Jungrom lagen ja damals in heftigem Streit mit einander, wie dies ja deutlich aus Horazens Werken, dem getreueſten Spiegel der damaligen Zeit, hervorgeht. Horaz gehört eben zum jungen Rom und will von der blinden Bewunderung deſſen, was frühere Jahrhunderte geſchaffen, nichts wiſſen.

Dieſen Gedanken führt er nun in der folgenden 5. Ode ad Pyrrham näher aus. Es ſcheint mir nämlich unzweifelhaft, daß dieſe Ode wie ſo manche andere von Horaz eine ſymboliſche Bedeutung hat. Wie ſollte der Dichter auf den Einfall gekommen ſein, an fünfter Stelle ſeiner Odenſammlung ein Gedicht an eine ungetreue Geliebte zu ſtellen? Die erſte Ode iſt an Mäcenas gerichtet, die zweite an den Octavian, die dritte an Virgil, die vierte an Seſtius, die ſechſte an Agrippa und in dieſe erlauchte Geſellſchaft ſollte er die unge treue Pyrrha eingeführt haben, ein eitles gefall⸗ ſüchtiges Mädchen, das bald von dieſem, bald von jenem jungen Lebemann ſich den Hof machen läßt? So etwas hätte allenfalls ein griechiſcher Dichter, etwa Alcäus ſich erlauben können, aber niemals ein Römer, zumal ein Mann, der dem neuen Machthaber des Reiches perſönlich ſo nahe ſtand, wie Horaz es that. Pyrrha iſt nichts anderes als ein Symbol der untergegangenen römiſchen Republik, d. h. der republikaniſchen Form derſelben. Wenngleich die äußerlichen Formen, wie ſchon

oben bemerkt iſt, noch geblieben waren, ſo war

doch das Weſen ein völlig anderes. Auguſtus war ſeit dem Untergang des Antonius der alleinige Gebieter im Reich, die alten Formen waren nichtiger Schein. Das mochten nun manche jüngere Männer, die die alten Großthaten der republikaniſchen Zeit anſtaunten, richtig heraus⸗ fühlen und bedauern, daß dieſe Zeit vergangen ſei, in der ſie ſelbſt vielleicht eine große Rolle

hätten ſpielen können ſo meinten ſie wenigſtens. Dieſem ruft Horaz zu: miseri, quibus intentata nites. Sie kennen dieſe Zeit nicht aus eigener Anſchauung wie Horaz. Er hat den Zuſammen⸗ bruch der Republik, die ſeit langen Jahren ohne⸗ hin nur mehr ein Scheinleben führte, ſelber mitgemacht, hat bei Philippi auch ſelbſt für ſie mitgeſtritten, aber ſchließlich doch ſein Heil in der Flucht geſucht. Dann hat er ſich mit der neuen Ordnung der Dinge verſöhnt und iſt nach Rom zurückgekehrt. Hier fand er bald durch ſeine Satiren viel Anerkennung: Mäcenas wurde ſein Gönner und ſah ihn oft bei ſich zu Haus, ebenſo Auguſtus. Daß da ſeine Anſicht vom Staate ſich nun völlig umgeſtaltete, iſt natürlich. Die Republik hat Schiffbruch gelitten; wie ſie, ſo auch ihr Anhänger Horaz; allein er iſt nicht unter⸗ gegangen, ſondern er hat ſich aus dem Schiffbruch gerettet. Dieſes und nichts anderes beſagt die letzte Strophe der Ode.

Das Leben ſowohl des einzelnen Menſchen, wie des Staates mit einer Schiffahrt zu ver⸗ gleichen liegt unendlich nahe und geſchieht tag⸗ täglich. In der 14. Ode des erſten Buches hat dies auch Horaz gethan; daß er in dieſer Ode unter dem Schiff das römiſche Staatsſchiff verſteht, hat wohl noch kein verſtändiger Leſer jemals bezweifelt. Mir iſt es darum aufgefallen, daß noch keiner der unzähligen Erklärer des Horaz auf die Idee gekommen iſt, die Ode ad Pyrrham als Allegorie aufzufaſſen. Ich muß das wenigſtens annehmen. Denn in der ziemlichen Anzahl von Ausgaben mit erklärenden Anmerkungen, die ich eingeſehen habe, iſt mir keine Andeutung einer ſolchen Auf⸗ faſſung begegnet.

Zum Vergleiche verweiſe ich auf das bekannte Lied von Uhland:

Es zogen drei Burſchen wohl über den Rhein, Bei einer Frau Wirtin da kehrten ſie ein u. ſ. w. Das Mägdelein, das auf der Totenbahre liegt, iſt die deutſche Freiheit. Beim Ausbruch des deutſchen Krieges gegen den erſten Napoleon hatten die deutſchen Fürſten ihren Völkern alle möglichen Verſprechungen gemacht, insbeſondere