Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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auch Horaz einen lebhaften Ausdruck. Er erblickt in dem Unterfangen der Menſchen, das die Länder trennende Meer zu befahren und allen Stürmen, Klippen und ſonſtigen Gefahren zu trotzen, eine frevelhafte Überhebung über die den Menſchen durch die Natur geſetzten Schranken. Dieſer Ge⸗ danke bringt ihn dann von ſelbſt auf die in der Menſchenbruſt ſchlummernde Verwegenheit, die ihn zu den kühnſten Wagniſſen treibt. Prometheus iſt der Repräſentant des denkenden und erfindenden Menſchengeiſtes, der dem Menſchen mit der ſinn⸗ reichen Verwendung des Feuers zugleich auch die Leiden der höheren Kultur bringt und damit dem langen Leben der Patriarchenzeit auch ein kürzeres Ziel ſetzt. Noch zwei andere mythiſche Helden, die die anſcheinend unverrückbaren Grenzen für die Menſchenwelt kühn überſchreiten, nennt er: den Dädalus, der ſich in das weite Luftreich mit künſtlich geſchaffenen Flügeln zu erheben wagte, und den Herkules, der umgekehrt in die Unter welt hinabſtieg und über den Acheron ſetzte. Da iſt denn der Schluß ſehr berechtigt: nil mortalibus ardui est. Selbſt den Himmel greifen wir an und ſolche Frevel geſtatten dem Jupiter nicht,

ſeine Blitze beiſeite zu legen. Zugleich liegt

wieder eine Warnung darin, die neue Ordnung der Dinge im Römerreiche zu ſtören: wer es wage, der rufe auf ſich ein ſicheres Verderben herab, wie denn in der That verſchiedene Ver⸗ ſchwörungen in ſpäterer Zeit mit dem Untergange der Beteiligten endigten.

Falmina, mit welchem Woͤrt die Ode ſchließt, iſt an dieſer Stelle doppeldeutig: es ſchließt die 3. Ode und bildet den Übergang zur 4. Ode. Inſofern es die Ode ſchließt, iſt es ein Ausdruck des Zornes des oberſten Gottes über die Frevel der Menſchen, die ſich nicht, wie er vorher ge⸗ ſchildert hat, an die natürlichen Schranken kehren, aber zugleich auch eine Hindeutung auf die be kannte Naturerſcheinung, daß ein Gewitter oft den Übergang vom Winter zum Frühling bildet (wie dies z. B. eben in dem Jahre 1894 auch bei uns in Deutſchland der Fall war).

Die 4. Ode nämlich iſt eine Frühlingsode:

der Winter ſchwindet dahin, der Frühling kommt, laue Lüfte wehen und es regt ſich überall neues Leben, die Schifffahrt beginnt wieder, die Land⸗ leute treiben ihr Vieh aus den winterlichen Ställen ins Freie, der Himmel iſt heiter. Dieſem letzten Gedanken verleiht der Dichter einen Ausdruck durch Bilder aus der Götterwelt: Venus führt im Mondenſcheine mit den Grazien und Nymphen Reigentänze auf, während ihr Gemahl, Vulkanus das Feuer in den Arbeitsſtätten der Cyclopen ſchürt, offenbar um dem Jupiter für die Früh lingsgewitter die Donnerkeile zu ſchmieden. Alles dieſes wird in den beiden erſten Strophen der Ode geſchildert. Die dritte Strophe, auch wieder die gerade in der Mitte der fünfſtrophigen Ode ſtehende, enthält nun den Hauptgedanken: jetzt gilt es den Frühling feſtlich zu begrüßen; das ſoll geſchehen durch ein feſtliches Gelage, zu dem ſich die Teilnehmer mit Kränzen aus Myrten⸗ zweigen oder Blumen ſchmücken, und durch ein im ſchattigen Haine dem Faunus dargebrachtes Opfer. Dem Faunus waren die Iden des Februar heilig: um dieſe Zeit begann der milde Favonius zu wehen, wie dies ſchon in dem erſten Verſe geſagt iſt; damit aber auch der Frühling im Leben der Natur. Allein hiems und ver haben in der vorliegenden Ode auch noch eine zweite, eine ſymboliſche Bedeutung: hieiss iſt das grauſige Kriegsgetümmel der Bürgerkriege, die unzählige Menſchenopfer forderten, ver der Völkerfrühling, der mit dem Beginn der friedlichen Herrſchaft des Octavian für das Reich angebrochen war. Dieſer Völkerfrühling fordert zum fröhlichen Lebensgenuſſe auf, zumal da ja das Leben ſo kurz iſt. Bald ſteigen wir hinab in die Unter⸗ welt, wo uns weſenloſe Schatten umfangen. Da gibt es keine fröhlichen Trinkgelage mehr, noch ſchöne Jünglinge, für die die junge Welt hinieden ſchwärmt, wie z. B. jetzt für Lycidas.

Mit Recht giebt Horaz dem Jünglinge einen griechiſchen Namen: in Griechenland, wo der Sinn für alles Schöne ſo reich entwickelt war, bildete ſich bei den Männern bekanntlich leicht eine be⸗ ſondere Vorliebe für ſchöne jugendfriſche Jünglinge,

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