Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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ſollte, war die Kunde davon durch die im ganzen Römerreicheverbreiteten Juden, in deren Synagogen wenigſtens die Bücher desAlten Teſtamentes vorhanden waren und geleſen wurden, in die weiteſten Kreiſe gedrungen. Die 4. Ecloge des Vergil behandelt eingehend die Hoffnungen, die an das Erſcheinen des Erlöſers geknüpft wurden. Natürlich hat er bloß römiſche Ideen in dieſem Gedichte verwendet. Er begrüßt darin denerwarteten Sohn des Aſinius Pollio als den Erſtgeborenen des goldenen Zeitalters, das mit dem zwiſchen Octavian und Antonius geſchloſſenen Frieden von Brunduſium angebrochen zu ſein ſchien. Etwas ruhiger wurde es wirklich im Römerreiche; nur der Peruſiniſche Krieg im Jahre 36 und der letzte Entſcheidungskampf im Jahre 31, der bei Actium und hernach in Alexandria entſchieden wurde, unterbrach wieder die Friedenszeit. Damit aber war die definitive Entſcheidung eingetreten. Fortan gab es für Octavian keine Nebenbuhler mehr; er war der allgemein an⸗ erkannte Weltherrſcher. Und in dieſe Zeit paſſen natürlich nach römiſcher Auffaſſung insbeſondere die Worte Vergils in der 4. Ecloge: Magnus ab integro saeclorum nascitur ordo.

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Jam nova progenies caelo demittitur alto. Horaz nun giebt in der 2. Ode ſeinen Gefühlen bei der Rückkehr des Octavian aus dem Orient im Jahre 29 einen begeiſterten Ausdruck. Er geht dabei aus von der Erwähnung der ſchreck lichen Naturereigniſſe und der Bürgerkriege, die beim Tode Cäſars eintraten und die als Wirk⸗ ungen des Unwillens der Götter über dieſe blutige Unthat angeſehen wurden. Nur ein Gott kann all das Unheil, das über das ſinkende Reich hereingebrochen iſt, wieder abwenden. Gerade die Strophe, die dieſen Gedanken ausſpricht,(v. 25 bis 28) ſteht in der Mitte der aus 13 Strophen beſtehenden Ode. Damit hat Horaz eine Strophen⸗ ordnung angewandt, die ſich bei vielen, eine Unpaarzahl(d. h. 3, 5, 7, 9 etc. Strophen) enthaltenden Oden gebraucht findet. In den folgenden Strophen nennt nun Horaz drei Götter,

denen vielleicht Jupiter das Amt der Sühne übertragen haben möge, nämlich Apollo, Venus und Mars: es ſind eben die Göttergeſtalten, die neben Jupiter, man möchte ſagen, am bekannteſten waren. In den drei letzten Strophen endlich wendet Horaz ſich an den Octavian und begrüßt ihn als den in Menſchengeſtalt erſchienenen Merkurius, den Sohn der Maja, der vom Himmel gekommen iſt, um den Cäſar zu rächen. Biſt du dieſer, ſo kehre erſt ſpät zum Himmel zurück und weile fröhlich unter dem Quiritenvolke. Der ungrammatiſch konſtruierte Schluß: Neu sinas Medos equitare inultos Te duce, Caesar

iſt außerordentlich charakteriſtiſch: ein allgebietender imperator in der römiſchen Republik iſt gleichſam etwas Anormales; und ſo iſt es auch der Ausdruck. Aber dieſes Anormale iſt unter den vorliegenden Umſtänden doch auch wieder das einzig Richtige; es verbürgt den Weltfrieden.

Zum Schluß bemerke ich noch, daß Mäcenas das erſte Wort der einleitenden Ode iſt; Cäſar das letzte der zweiten; er iſt der Schlußſtein, der das Ganze, das Reich zuſammenhält. Cäſar iſt bekanntlich der Titel für die höchſten Fürſten der Welt geworden: aus dem Eigennamen iſt im Deutſchen ein Appellativum geworden: Kaiſer.

In der 3. Ode folgt nun auf den Welt⸗ herrſcher der mit Horaz eng befreundete Dichter Vergil, der eben im Begriff war, nach Athen zu reiſen. Er wünſcht dem Freundeglückliche Reiſe, wie wir heute ſagen; eine Seereiſe war aber in jener Zeit doch immerhin etwas bedenklicher und gefährlicher, als eine ſolche etwa heutzutage iſt. Die Technik des Schiffsbaus zwar und der See⸗ fahrt war immerhin ſchon ſeit phöniciſchen Zeiten auf dem Mittelmeer ſehr weit vorgeſchritten; allein für die See haben die Römer niemals be ſondere Liebhaberei gehabt; ſie fühlten ſich auf derſelben nicht heimiſch.(Wenn ſie einmal zur See fechten mußten, machten ſie gern durch Entern der feindlichen Schiffe und Hinüberſpringen in dieſelben eine Art Landſchlacht daraus, wie z. B. in den puniſchen Kriegen.) Dieſem Gefühl giebt