— 4—
Athen„ſtudierte“, ſich an Brutus und Caſſius, die Gegner der Triumvirn, angeſchloſſen hatte, nach dem entſcheidenden Siege bei Philippi auf das Kriegshandwerk verzichtete und ſich ins Privat⸗ leben zurückzog, wiſſen wir aus ſeinen Dichtungen. Durch ſeine Satiren erwarb er ſich zunächſt An— erkennung in Rom und wurde bald von dem eifrigen Gönner aller litterariſchen Beſtrebungen, Mäcenas, in den näheren Freundeskreis gezogen und ſo dann auch bald mit dem Octavian be— kannt. So kam es denn gewiſſermaßen ganz von ſelbſt, daß Horaz mit der neuen Ordnung der Dinge im Römerreiche ſich ausſöhnte und nicht etwa, wie manche andere ſeiner früheren Geſinn— ungsgenoſſen ſeinem Leben gewaltſam ein Ende machte. Dazu war er noch zu jung und für neue Eindrücke noch empfänglich.
Die Eindrücke aber, die er in Rom von dem neuen Zuſtande der Dinge empfing, wie ſie ſich nach dem Tode des Antonius und der Rückkehr des Octavian nach Rom geſtaltet hatten, konnten nur äußerſt günſtig ſein. Es herrſchte endlich einmal im Reiche Friede, den dieſes ſeit der Zeit der Griechen, alſo ſeit mehr als hundert Jahren nicht mehr gekannt hatte. Dieſer Friede dauerte im Jahre 24, als Horaz ſeine lyriſchen Gedichte herauszugeben be⸗ ſchloß, nun ſchon über 6 Jahre, und es ſah ganz darnach aus, als ob er auch in Zukunft ungeſtört bleiben ſollte. Rom atmete auf. Aber trotzdem gab es doch manche Männer, die mit ſehr ge⸗ miſchten Gefühlen die neue Ordnung der Dinge anſchauten. Scheinbar war ja ſo ziemlich alles beim Alten geblieben: es wurden nach wie vor Volksverſammlungen gehalten, Konſuln, Prätoren, Tribunen u. ſ. w. gewählt; Octavian ſchonte die alten Überlieferungen und Formen; nur daß dieſe ziemlich bedeutungslos wurden. Es kam darauf an, die Römer mit der neuen Zeit zu verſöhnen.
Daß er die Dichter ſeiner Zeit in ſein In⸗ tereſſe zu ziehen bemüht war, gebot ihm ſeine politiſche Klugheit; ebenſo, daß er alle litterariſchen Beſtrebungen förderte. Die Römer, deren Gedanken und Beſtrebungen früher ſo zu ſagen ganz im Staate aufgegangen waren, mußten andere Ge—
biete geiſtigen Strebens vor ſich ſehen und in dieſen ihr Genüge finden. Jeder Dichter und Schriftſteller, der nur nicht eben offen gegen den Imperator auftrat, konnte als deſſen Bundesge— noſſe und Freund betrachtet werden. Und gerade die beiden Dichter, die für den Gymnaſialunter— richt am meiſten in Betracht kommen, Vergil und Horaz, traten zuletzt ganz auf die Seite des neuen Gebieters.
Die erſte, an Mäcenas gerichtete Ode kommt hier nicht in Betracht. Sie iſt gleichſam die Vorrede zu der nachfolgenden Odenſammlung, eine Widmung derſelben. Wenn er ſie ſchließt mit den Worten:
Quodsi me lyricis vatibus inseris, Sublimi feriam sidera vertice, ſo haben wir als Übergang hinzuzudenken: Und das wirſt du hoffentlich thun, wenn du die beiden anliegenden Bücher meiner Oden näher anſiehſt.
Somit iſt die zweite Ode eigentlich die erſte und dieſe iſt mit vollem Recht an den Weltge— bieter gerichtet. Dieſen begrüßt er als den von allen Völkern damals erwarteten und erſehnten Weltheiland. Das Elend der damaligen Zeit, ja des ganzen griechiſchen und römiſchen Zeit⸗ alters muß wirklich für alle denkenden und ernſt angelegten Männer ſehr arg geweſen ſein. Ich erinnere nur an jene bekannte Stelle in Platons Apologie(Kap. 32), in der er den Sokrates ſagen läßt, daß, wenn der Tod etwa einem traumloſen Schlafe ähnlich ſei, er ſicherlich ein wunderbar großer Gewinn ſein müſſe; denn ſelbſt der perſiſche Großkönig müſſe geſtehen, daß die noch ſo herrlich und angenehm verlebten Tage ſich doch kaum, rückſichtlich ihrer Annehmlichkeit, mit einer ſolchen traumloſen Nacht vergleichen ließen. Dachte man in Griechenland zu einer Zeit, wo es doch noch frei und unabhängig daſtand, ſo geringſchätzig vom Leben, ſo iſt die Wertſchätzung in der römiſchen Zeit ſicherlich nicht größer geworden. Hundert Jahre Bürgerkrieg hatten zu der allge⸗ meinen Mißſtimmung ſicherlich viel beigetragen.
Als nun die Zeit nahte, daß der verheißene Erlöſer in Menſchengeſtalt auf Erden erſcheinen


