Aufsatz 
Neues aus Horaz / Bernhard Werneke
Entstehung
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Neues aus Hora..

Vom Gymnaſial⸗Direktor Dr. Bernhard Werneke.

A;

Unter den römiſchen Dichtern iſt jedenfalls Horaz der am meiſten geleſene und erläuterte. Es giebt Tauſende von Ausgaben, ſowohl mit Anmerkungen als ohne ſolche. Wenn ich nun den folgenden Blättern den TitelNeues aus Horaz gegeben habe, ſo will ich durchaus nicht damit ſagen, daß alles Mitgeteilte abſolut neu, noch nirgends gedacht oder geſagt ſei. Das wäre eine alberne Anmaßung. Ich will damit nur ſagen, daß in denjenigen Ausgaben, die mir im Laufe der Jahre zu Geſicht gekommen ſind und das ſind immerhin doch eine ganze Anzahl ich von dem hier Aufgeführten nichts oder doch nur wenig gefunden, reſp. wenn ich dies oder jenes doch vielleicht gefunden, jedenfalls wieder vergeſſen habe. 1 6Seit dem Jahre 1861 bin ich ſtändig Or⸗ dinarius der Prima, abwechſelnd Unter⸗ und Oberprima geweſen und es wäre ſonderbar, wenn einem Philologen bei der viele hundertmal wieder⸗ holten Lektüre nicht da und dort etwas einfiele, was er bis dahin in ſeinen Kommentaren nicht gefunden hat. Gerade in der Klaſſe, im lebendigen Gedankenaustauſch mit den Schülern tauchen ja oft neue Gedanken auf. Fixierte man dieſe ſofort, ſo fände ſich gewiß manches Brauchbare darunter; leider hat man im Unterricht keine Zeit dazu. Doch zur Sache.

* Wenn Dichter, namentlich lyriſche, ihre nach und nach entſtandenen und vielleicht auch ver⸗ öffentlichten Gedichte ſammeln, um ſie herauszu⸗ geben, ſo iſt ihnen die Reihenfolge derſelben

keineswegs gleichgültig. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Zuſammengehörige auch zuſammengeſtellt wird, wobei freilich die Zuſammengehörigkeit in verſchiedener Weiſe begründet ſein kann. Bald iſt der Inhalt, bald die Zeit der Entſtehung, bald die Form oder ſonſt ein Geſichtspunkt maß⸗ gebend. Jeder, der ſich etwas eingehend mit Schiller und Goethe beſchäftigt hat, weiß auch, welchen Wert ſie auf die Ordnung ihrer Ge⸗ dichte legten.

Es wäre ſonderbar, wenn dem Horaz die Reihenfolge ſeiner Gedichte gleichgültig geweſen wäre. Auf den erſten Blick ſieht jeder, daß z. B. die erſte Ode des erſten Buches und die letzte des zweiten, ferner die ſechs erſten Oden des dritten Buches, die ſogenannten Römeroden, endlich die letzte Ode des vierten Buches mit voller Über⸗ legung an ihren Platz geſtellt ſind. Auch darauf iſt ſchon längſt aufmerkſam gemacht worden, daß die 9 erſten Oden des 1. Buches ſämtlich in verſchiedenen Versmaßen geſchrieben und jeden⸗ falls mit einer gewiſſen Abſicht gerade ſo geſtellt ſind. In den folgenden Zeilen möchte ich nun nachweiſen, daß dieſe neun Oden auch in ihrem Inhalte eng mit einander verbunden ſind und eine ganz beſtimmte und zwar pol itiſche Ab⸗ ſicht verfolgen. Eine vollſtändige Erklärung der einzelnen Oden nach ihrem ſonſtigen Inhalt beab⸗ ſichtige ich ſelbſtredend nicht. Nur auf die fünfte Ode bin ich näher eingegangen.

Daß Horaz im Jahre 44, wo er eben in