— 41—
Da iſt ferner der Kampf zwiſchen der humaniſtiſchen Bildung und der mehr mordernen Bildung, der auch in Deutſchland noch nicht zur Ruhe gekommen iſt. Prévoſt iſt„Humaniſt“, dabei denkt er keineswegs gering von dem Wert der neueren Fremdſprachen. Dieſe ſollen gelehrt werden. Aber er glaubt, trotzdem die lateiniſche Sprache nicht ent⸗ behren zu können. Sie iſt ihm das Mittel ſprachlicher Bildung par excellence. Wer Latein gelernt hat, lernt auch leicht die anderen Fremdſprachen. Damit iſt indes für Prévoſt natürlich noch lange nicht ihr Bildungswert erſchöpft. Aber Prévoſt führt dieſes Argu⸗ ment an, weil gerade es von den Gegnern bekämpft wird. Hierin pflichtet ihm auch der Literarhiſtoriker Faguet bei. Auch ein anderes vor 4 Jahren anonym erſchienenes Buch, das ſ. Zt. viel Aufſehen erregt hat„L’ Esprit de la Nouvelle Sorbonne, la Crise de la Culture Classique, la Crise du Frangçais,“ ein Werk, das aller⸗ dings mit Kritik geleſen ſein will, da es nicht frei von politiſchen Ten⸗ denzen iſt, ſteht auf dieſem Standpunkt. Und das Merkwürdige hier iſt, daß der Kampf gegen die Vernachläſſigung der klaſſiſchen Bildung aus einem Lager kommt, wo man es am wenigſten erwarten ſollte, aus dem Kreiſe der Ingenieure, der Männer des praktiſchen Lebens, der Induſtriellen! Und gewichtige Gründe führt man hier ins Feld.
In ſeiner Betonung der Pflege der Mutterſprache zeigt Prévoſt Beſtrebungen, wie ſie in Deutſchland von dem vor 2 Jahren in Frank⸗ furt a. Main gegründeten Germaniſtenverband vertreten werden. Da⸗ bei erfährt die Mutterſprache in der franzöſiſchen Schule eine weit größere Sorgfalt als in Deutſchland. Der Unterricht iſt dort weit mehr literariſcher als bei uns, wo der deutſche Unterricht doch ſchließlich allen Unterrichtsfächern nutzbar gemacht wird.
Auch mit der wichtigen Frage, welches Erziehungsſyſtem das beſſere ſei, das Internat oder die gänzliche Erziehung im Elternhauſe, ſucht ſich Pr. auseinanderzuſetzen. Pr. entſcheidet ſich für das Externat, d. h. für das deutſche Syſtem, wo das Kind durch die Schule und das Elternhaus erzogen wird. Er weiß ſehr wohl, daß die Erziehung im Elternhaus gar häufig nicht viel taugt. Andererſeits iſt er aber auch nicht blind für die Mängel des franzöſiſchen Internates,(die wohl jeder, der einmal da gelebt hat, empfunden haben wird. D. Verf.) Faguet hat nicht unrecht, wenn er ſagt, daß der nationale Niedergang auf dem Ruin der Familie und dieſer auf dem Internate beruhe.
In den Beſtrebungen endlich, die eine freiere Erziehung, eine gemeinſame Erziehung beider Geſchlechter, Erweckung des Sinnes für die Natur, Erziehung zur Einfachheit zum Ziele haben, zeigt Prévoſt


