Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
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erſchöpfend das Erziehungsproblem behandelt hat. Aber das iſt ja auch nicht nötig. Ein Erziehungsbuch iſt kein Buch, das man in einem Zweifelsfalle nur aufzuſchlagen braucht, um auf Seite ſo und ſoviel ein Rezept zu finden, das für den und jenen Fall ſich empfiehlt. Ein ſolches Buch hat ſchon ſeine Pflicht getan, wenn es uns Anregungen gegeben hat, wenn es uns ſelbſt zu Tätigkeit, zum Nachdenken ver⸗ anlaßt hat. Und das vermag Prévoſts Werk wohl zu tun. Auch in anderer Hinſicht iſt es für uns Deutſche wertvoll. Wie alles, was bei unſeren weſtlichen Nachbarn vorgeht, uns intereſſieren muß, ſo muß es auch hier ſein. Und gerade hier. Wollen wir einen Menſchen wirk⸗ lich verſtehen, wollen wir ihm gerecht werden, ſo müſſen wir nach⸗ forſchen, wie er geworden iſt. Hier liegt der Schlüſſel zu Vielem, was uns ſonſt ein Rätſel bliebe. Und ſo muß uns auch die franzöſiſche Er⸗ ziehung intereſſieren. Auch das iſt ein Weg, der zur gegenſeitigen Ver⸗ ſtändigung führt.

Und auch für den deutſchen Erzieher, den Lehrer, denke ich, kann Prévoſt von einigem Intereſſe ſein. Zum mindeſten zeigt er ihm, daß die Probleme, die gegenwärtig in Deutſchland ſo eifrig be⸗ handelt werden, auch in Frankreich allſeitig erörtert werden. Und es iſt immerhin reizvoll zu ſehen, wie mandrüben ſolche Fragen behandelt. Greifen wir einige heraus.

Da iſt z. B. der vielumſtrittene Moralunterricht. In Frankreich iſt er eingeführt, in Deutſchland will man ihn an manchen Orten ein⸗ führen. Wir haben geſehen, Prévoſt iſt durchaus kein Freund des Moralunterrichtes. Und damit ſteht er nicht allein. Auch andere füh⸗ rende Männer Frankreichs ſind durchaus ſeiner Anſicht ſo, z. B. René Bazin, Jules Lemaitre. u. a.*)

*) Dem Verfaſſer war es vergönnt, vor 2 Jahren in Paris einen Congreß de la ligue nationale de l'éducution moralebeizuwohnen, in dem führende Män⸗ ner Frankreichs ich nenne nur den berühmten, jetzt verſtorbenen Mathema⸗ tiker H. Poincaré den ebenfalls verſtorbenen langjährigen Kammerpräſidenten Brisson, einmütig in beredten Worten über den Niedergang der Moral im Volke Klage geführt haben. In dieſer Hinſicht hat alſo der Moralunterricht keine Erfolge aufzuweiſen. Man kann vielmehr von einem Mißerfolg ſprechen, wie es auch in jenem Kongreß geſchah.

Meine Bedenken wurden noch verſtärkt durch meine Beobachtungen, die ich durch häufiges Hoſpitieren im Moralunterricht im franzöſiſchen Gymnaſium und durch nachfolgende Ausſprache mit den Schülern machen konnte. Die Pro⸗ bleme, die da behandelt wurden, waren vielfach zuſchwer für den jugendlichen Geiſt, und die Folge war eine geradezu beiſpielloſe Verwirrung über mora⸗ liſche Begriffe.