Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
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und wird ſie da faſt immer gegeben! Prévoſt begrüßt es deshalb mit Freuden, daß man in Frankreich allgemach anfängt, dieſen neueren, aus England übernommenen Erziehungsgrundſätzen zu huldigen und er hofft und wünſcht, daß die Zeiten, wo manla petite oie blanche (das kleine Gänschen) als das Ideal der Erziehungskunſt hinſtellte, endgültig vorüber ſein möchten. Er weiß wohl, daß eine ſolche be⸗ deutende Evolution ſich nicht ohne Schaden vollzieht, daß gerade die Uebergangszeit Gefahren in ſich birgt. Auch die Sklaven von Loui⸗ ſiana konnten zuerſt nicht ungeſtraft ihre Freiheit genießen. Aber all⸗ mählich lernten ſie es. So iſt es auch hier. Keine Evolution vollzieht ſich ohne Schaden. Mag auch in der jetzigen Generation das eine oder das andere Menſchenkind ob der neu gewonnenen Freiheit ſtraucheln, die Gewöhnung iſt noch nicht vollſtändig, die nächſte Generation wird mit einem größeren Gefühl der Sicherheit und mit einem größe⸗ ren Erfolg ihre Freiheit genießen. Denn, was in England ſchon lange möglich iſt, muß ſich auch in Frankreich verwirklichen laſſen.*)

Mit dieſer Hoffnung ſchließt Prévoſt ſeine Erziehungslehre. Und für ſeinen Schutzbefohlenen hofft er, daß nun auch das Leben, die Freiheit, in die er nun mit 1618 Jahren eintritt, ihm eine zweite Erziehung gebe, die in denſelben Bahnen ſich bewege. Auch dies iſt nötig. Bisher war der Charakter eine Reſultante aus 2 Komponenten, den an⸗ geborenen Gewohnheiten, der ererbten Natur und den erworbenen Gewohnheiten(Erziehung). Nun kommt eine neue Komponente hinzu, das Leben, der Umgang mit den Menſchen, die Erfahrung. Dieſe iſt nicht immer eine beſſernde Erzieherin. Aber ſei dem, wie ihm wolle. Haben wir dem Kinde ein unbeugſames moraliſches Geſetz, echten wahren Idealismus, den unerſchütterlichen Glauben an den Sieg des Guten eingepflanzt, dann haben wir die erhebende Gewißheit, wir haben unſere Pflicht getan. Und ferner: das junge Menſchenkind kann wohl ſtraucheln, kann einen Fehltritt begehen, aber es weiß auch, daß es gefrevelt hat. Und ſolange dieſes Gefühl noch wach iſt, ſolange iſt der Menſch auch noch nicht wahrhaft ſchlecht. Der Weg zum Guten iſt ihm noch nicht verſchloſſen.

Werfen wir zum Schluſſe noch einmal einen prüfenden Blick über das Ganze, ſo müſſen wir wohl ſagen, daß Prévoſt durchaus nicht

*) Allzu Aengſtliche verweiſt er dabei auf Amerika und die Schweiz, wo ſo⸗ gar die Schulen in den Dienſt dieſer Sache ſich geſtellt haben; in manchen Schulen der Schweiz gibt man den Kindern ein BuchL'école de la pureté in die Hände, und in Amerika wird ein Buch mit dem TitelWhat young people should know', geleſen.