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Herrlichkeiten zu werfen, ſondern wir müſſen weiterſchreiten, weiter⸗ arbeiten, müſſen uns liebevoll in alles, was der Garten bietet, verſenken und dürfen dabei auch des beſcheidenſten Blümchens nicht vergeſſen. Nur ſo werden wir uns der Kultur des fremden Volkes, deren be⸗ redter Ausdruck die Sprache doch iſt, bewußt. Und eine ſolche Kennt⸗ nis iſt von dem„Kellnerideal“ natürlich himmelweit entfernt. Sprach⸗ fertigkeit verbürgt noch lange nicht die Tatſache, daß wir nun wirklich das fremde Volk kennen, daß wir ſeine Kultur uns zu nutze gemacht haben, und das iſt wohl ſchließlich die vornehmſte Aufgabe des Sprach⸗ unterrichtes.—
Ein mächtiger Rivale erſteht uns in dieſer Periode des Er⸗ ziehungsgeſchäftes zwiſchen dem„Age ingrat“und dem Ende der Er⸗ ziehung: Die erſte Liebe. Sie tritt uns in den Weg, früher oder ſpäter; aber ſie läßt ſich nicht ausſchalten. Es wäre vergeblich, wollte man junge Menſchenkinder erziehen, wollte man ihren Körper, ihren Geiſt bilden, ohne ſich auseinander zu ſetzen mit dieſem mächtigen Be⸗ gleiter, der eines Tages zu unſerem Schützling auf ſeinem Lebensweg ſich geſellt und uns unſere Herrſchaft ſtreitig zu machen droht. Wir dürfen deshalb dieſer Gefahr gegenüber nicht die Augen verſchließen, dürfen die Entwickelung dem Zufall überlaſſen; nein, auch hier ſollen wir unſere Erzieherpflichten üben. Das tun wir aber nicht dadurch, daß wir, wie es früher geſchah, ängſtlich die beiden Geſchlechter bis zu dem Zeitpunkt, wo die Begegnung die meiſte Gefahr bietet, von einander fernhalten,(ein Erziehungsſyſtem, das gerade für Frank⸗ reich im Gegenſatz zu England charakteriſtiſch iſt). Das iſt un⸗ vernünftig. Gewöhnen wir vielmehr Knaben und Mädchen an einen Verkehr zu einer Zeit, wo auf beiden Seiten noch volle Naivität herrſcht. Auf dieſe Weiſe ſchaffen wir den Boden zu einem ſpäteren geſelligen harmloſen Verkehr. Hier kann uns der Sport z. B. Tennis, Wandern ein guter Bundesgenoſſe ſein; gerade bei dieſer Gelegenheit ſind die jugendlichen Gemüter nur von einem Gedanken beſeelt, ſich auszuzeichnen, den anderen zu übertreffen; für alles andere fehlt die Muße. Und dann, wenn die Umſtände es erfordern, ſcheuen wir auch vor einem ernſten offenen Wort nicht zurückl Das rechte Wort zur rechten Zeit zwiſchen Vater und Sohn, zwiſchen Mutter und Tochter kann Wunder wirken. Allerdings erfordert das vielen Takt, und eine ſolche Situa⸗ tion iſt wenig angenehm, aber wir werden es dennoch tun, wenn wir daran denken, daß, geben wir nicht die nötige Aufklärung, dieſe von anderer Seite erfolgt. Und da fehlt ſicher der edle Beweggrund; und dann, in welcher Weiſe und welcher Form kann ſie da gegeben werden,


