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denken wir, es iſt eine Zeit, wo alles im Kinde in einer ſtürmiſchen Ent⸗ wicklung iſt, wo das Kind ſeinen noch unfertigen Körper nicht zu meiſtern vermag; die charakteriſtiſchen, ungeſchickten linkiſchen Be⸗ wegungen— ein lebhafter Ausdruck deſſen— ſind gerade dieſem Alter eigen; ferner, der Geiſt iſt machtlos allen Schwankungen unter⸗ worfen, lodernder Haß und ſtürmiſche Zuneigung löſen einander blitz⸗ ſchnell in wildem Chaos ab. Kurz, die Natur beherrſcht derart das menſchliche Weſen, daß es von ihr willenlos hin und her ge⸗ worfen wird. Eine ſorgfältige körperliche Erziehung muß deshalb ge⸗ rade jetzt geübt werden.
In der Pflege des Geiſtes wird auf der ſeitherigen Grundlage weitergebaut und zwar immer mit derſelben Methode: Anſchauung und Erfahrung.
Ein neues Wiſſensgebiet kommt neu hinzu: Die modernen Sprachen. Abgeſehen davon, daß ſie ebenfalls der Bereicherung des Geiſtes dienen, ſind ſie auch nützlich für das praktiſche Leben. Wie dieſe gelehrt werden ſollen, können wir nach dem ſeither von Prévoſt vertretenen Standtpunkt erraten; entweder ſie werden im Auslande ſelbſt oder daheim mit Hülfe der ſogenannten „direkten Methode“, wie ſie bereits für das Latein empfohlen worden iſt, gelernt. Dadurch, daß das Kind Latein gelernt hat, ſind die Schwierigkeiten der Spracherlernung erheblich gemindert. Im Anfang wird es darauf ankommen, durch vieles Sprechen einen möglichſt reichen und ſicheren Wort⸗ ſchatz zu gewinnen. Die Grammatik wird eine nur beſcheidene Rolle ſpielen, ſie wird immer auf induktivem Wege gewonnen. Erſt ſpäter ſetzt das gründliche und ſyſtemathiſche Studium der Grammatik ein; dieſe will Prévoſt alſo durchaus nicht vernachläſſigt wiſſen. Das ana⸗ lytiſche Studium der fremden Sprachen beginnt, wenn das Kind die fremde Sprache beherrſcht ungefähr in dem Maße, wie es ſeine Mutterſprache mit 7 Jahren ſprach. Auf dieſer Stufe empfiehlt er das Ueberſetzen ſchwieriger Texte. Dadurch erſt dringt der Schüler in den wahren Sinn der Worte ein, ferner iſt dies eine ganz vor⸗ treffliche Geiſtesübung. Den Wert der ſogenannten direkten Methode findet alſo Prévoſt nur vornehmlich in ihrer vortrefflichen Art der Einführung in die fremde Sprache. Sie iſt ihm ſonach durchaus nicht das Mittel der Spracherlernung. Sie öffnet nur das Tor, durch das man in den weiten blühenden, fremden Garten eintritt. Will man deſſen Reichtum wirklich erfaſſen, ſo genügt es nicht, an dem Eingang ſtehen zu bleiben und einen flüchtigen oberflächlichen Blick über all die


