Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
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c) Herzensbildung.

Was hier mit Hilfe des Religions⸗ und Kunſtunterrichtes erreicht worden, wird uns am beſten bewußt, wenn wir dieſes Ergebnis ver⸗ gleichen mit demjenigen, das wir bei dem Kinde von 7 Jahren erzielt haben. In dieſem Alter beſtand die ganze Moral des Kindes in folgenden 2 Sätzen: Du mußt gehorchen, Du darfſt nicht lügen. Ferner: Alles, was die Eltern befehlen zu tun, iſt gut, das Gegenteil ſchlecht. Das Kind wußte, daß eine Uebertretung dieſer Geſetze unbedingt Un⸗ angenehmes, die Strafe im Gefolge hat. Mit 12 Jahren darf die Moral nicht mehr ſo äußerlich ſein, wenn anders unſer Erziehungs⸗ werk nicht als geſcheitert betrachtet werden ſoll. Nicht mehr die Furcht vor Strafe allein, der Wunſch belohnt zu werden, ſind die Triebfeder ſeines Handelns, ſondern die innere Kraft des Gewiſſens, das wir unabläſſig geſchärft und entwickelt haben. Wir haben ſie daran gewöhnt, ſich ſelbſt zu prüfen, ihre Handlungen ſelbſt zu beur⸗ teilen, ſie üben Aufrichtigkeit gegen ſich und gegen andere. Man wende nicht ein, daß das bei Kindern nicht möglich ſei; im Gegenteil, bei ihnen kann das Gewiſſen ſchärfer, klarer ſein als bei Erwachſenen, denn die haben es nur zu oft gelernt, die Stimme des Gewiſſen einzuſchläfern.

Aufgabe des ſpäteren Religionsunterrichts wird es ſein, dieſe Stimme des Gewiſſens zu feſtigen, zu ſtärken.

Bei all dieſer moraliſchen, phyſiſchen und intelektuellen Erziehung haben wir nicht vernachläſſigt, den Kindern noch das zu geben, was Prévoſt l'elégance, l'accent, la manière, nennt. Das Kind hat ſchon einigen Kontakt mit den Erſcheinungen der Kunſt, ſei es Muſik, Malerei oder Literatur.

Sie ſind alles in allem genommen,keine Athleten, keine Ge⸗ lehrten, keine Heiligen, ſondern junge Menſchenkinder, die auf dem rechten Wege ſind, dereinſt wertvolle Mitglieder der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zu werden.

III. Periode.

Das Ende der Kindheit(12.16. Jahr).

Die dritte Periode der Kindheit iſt diejenige vom 12.16. Jahr. Hier wird das Erziehungswerk zu Ende geführt. Die Seele kriſtalliſiert ſich in einem definitiven Syſtem.

Es iſt eine ſchwierige Zeit für den Erzieher und für ſeinen Schützling. Es iſt die Zeit der Flegeljahre, l'Age ingrat, wie Prévoſt es nennt. Mag das Kind auch noch ſo gut erzogen ſein, hier wird es nicht immer leicht zu leiten ſein; aber ein vernünftiger Erzieher wird Nachſicht üben und mit Geduld ſein Ziel zu erreichen ſuchen. Denn be⸗