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Ebenſo wie bei Beendigung der„Kindheit der Kindheit“, am Ende des 7. Lebensjahres Pr. ein Idealbild ſeines Schützlings entworfen hat, ſo tut er es auch jetzt am Ende der„Jugend der Kindheit“, am Ende des 12. Lebensjahres.
Er macht auch jetzt noch keinen Unterſchied zwiſchen einem Knaben⸗ und einem Mädchen, denn auch die Natur tut es bis dahin nicht. Dennoch ſtehen ihm, wenn er den phyſiſchen, intellektuellen, und mo⸗ raliſchen Zuſtand eines Kindes ſchildert, zwei Weſen, ein Knabe und ein Mädchen, vor ſeinem geiſtigen Auge, aus dem einfachen Grunde, weil er weiß, daß die Erziehung, die wohl wertvolle Gewohnheiten mitteilt(impose) und die angeborenen Gewohnheiten mildert(atténue), dennoch nicht vollſtändig die Natur eines Kindes zu ändern vermag. Dieſe beiden Kinder haben dieſelbe Erziehung genoſſen, und doch ſind ſie durchaus keine vollſtändig identiſchen Perſönlichkeiten. Und ſo ſoll es auch ſein. Eine Erziehung, die die menſchliche Natur voll⸗ ſtändig„zerbrechen“ würde, wäre verhängnisvoll. Aber gewiſſe Ge⸗ meinſamkeiten zeigen ſich gleichwohl. Und welche?
a) in körperlicher Hinſicht:
Beide ſind kräftig entwickelt, erfreuen ſich einer guten(durch die Erziehung günſtig entwickelten) Geſundheit. Sie ſind körperlich ge⸗ wandt. Sie ſind widerſtandsfähig gegen körperliche Anſtrengungen. Alle ihre Bewegungen verraten Gewandtheit; jede Haltung atmet Selbſtzucht, ſie laſſen ſich nicht„gehen“. Sie zeigen eine gute Ver⸗ trautheit mit allen körperlichen Uebungen.„Sport“ im engeren Sinne des Wortes betreiben ſie nur inſoweit, als er zur Förderung der allgemeinen Ausdauer und Gewandtheit beiträgt.
b) in geiſtiger Hinſicht:
Vor allem, ſie haben gelernt, ihre Mutterſprache zu verſtehen und zu ſprechen. Dadurch unterſcheiden ſie ſich von ihren Zeitgenoſſen, die wohl auch zu reden wiſſen, aber mit einem geringen Wortſchatz, mit einer unklaren Kenntnis der wahren Bedeutung der Wörter und der Syntax. In der Ortographie insbeſondere ſind ſie wohl erfahren, ſie wiſſen die Regeln nicht nur auswendig, ſondern ſie ſind mit ihrer Kenntnis auch ſchon in den reichen Born ihrer Mutterſprache hinab⸗ geſtiegen. Gewiß, vieles muß noch hinzu gelernt werden, aber die rein ſchulmäßige Ausbildung iſt beendet.
Was ſie nicht gelernt haben,— das betont Pr.— das ſind die modernen Sprachen. Sorgfältig ſind ſie davon ferngehalten wor⸗ den. Vielleicht ſind ſie einmal mit in das Ausland genommen worden, haben da empfunden, wie hinderlich es iſt, keine fremden Sprachen


