— 13—
Prvoſt betrachtet deshalb das Buch, wenn es vor dem 8. Lebens⸗ jahre angewandt wird, als den verderblichſten Feind der wahren Bildung des Kindes.*)
Noch ſchädlicher, verkehrter iſt es, wenn das Kind, wie es nicht ſelten vorkommt, in dieſem Alter auch ſchon mit der Erlernung fremder Sprachen gequält wird, wo es doch in ſeiner eigenen noch nicht zu Hauſe iſt.
Schädlich iſt dies aus mehreren Gründen. Denken lernen wir eigentlich nur mit Hülfe der Worte. Die Fortſchritte des kindlichen Geiſtes ſind alſo eng mit ſeiner Kenntnis der Worte und deren Ver⸗ bindung verknüpft. Und das iſt mit dem 8. Lebensjahre natürlich noch nicht erreicht. Wie reich iſt doch die Sprache, wie ſchwierig ihre vollſtändige Durchdringung, ſo ſchwierig, daß, wie Prévoſt ſagt, viele Menſchen überhaupt damit nicht zu Ende kommen und ſtets eine un⸗ reine, unklare Sprache ſprechen, die genau auch das Spiegelbild ihres Geiſtes iſt.
Was alſo wird die Folge der zu frühen Spracherlernung ſein?
1) Das Kind wird in beiden Sprachen nicht heimiſch werden, wird ſie ſchlecht ſprechen; vielleicht wird ſein Akzent beſſer ſein, aber das iſt nicht ſo wertvoll, wie es auf den erſten Blick ſcheinen mag.
2) Das Kind muß zu einer Zeit, wo die Handhabung einer einzigen Sprache ſchon ſeine Kräfte vollauf in Anſpruch nimmt, gleichzeitig zwei anwenden. Die Folge davon iſt, daß es an Ideen verliert, was es an Artikulationsfähigkeit gewinnt. Je reicher die Worte an Inhalt ſind, umſoweniger verſteht es ſie. Lernt das Kind gleichzeitig das Wort„coeur“ und„Herz“, und wird ihm geſagt, daß beide Worte gleichbedeutend ſeien— was aber in Wirklichkeit nicht der Fall iſt, das aber kann dem Kinde nicht klar gemacht werden— dann iſt es faſt ausgeſchloſſen, daß ihm je der tiefere Sinn dieſer Worte und ihre gewaltiger Unterſchied bewußt wird. Oberflächlichkeit iſt die Folge.
Man wende nicht hiergegen ein, daß doch nur im Kindesalter eine Sprache richtig ſprechen gelernt wird. Jeder Kellner, jedes Dienſt⸗ mädchen, das auch nur 6 Monate im Auslande zugebracht hat, be⸗ weiſen nach Pr. Anſicht das Gegenteil.
*) Auch Matthias in ſeinem Buch:„Wie erziehen wir unſeren Sohn Ben⸗ jamin?“ ſtimmt dieſer Anſicht zu. Er ſagt: In frühem Alter ſind Bücher un⸗ zweckmäßig, ja geradezu ſchädlich; denn ſie lenken die unbefangenen Sinne und klaren Blicke leicht ab von dem, was unter den Augen des Kindes vorgeht, ſie ſtören die friſche Aufnahme der Eindrücke aus der Außenwelt und ziehen gleichſam einen papierenen Schleier vor das Auge“.


