Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
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1o.

geerbten und ſich in dem Kinde ſchon zeigenden Gewohnheiten ſich durchſetzen werden. Das iſt grundfalſch; hinter dieſer Meinung ver⸗ birgt ſich eigentlich nur die paresse éducatrice Wer dieſem Grundſatz huldigt, der läßt der Entwicklung freien Lauf, und das iſt zu verurteilen. Der Charakter eines Menſchen bildet vielmehr ein Syſtem von Ge⸗ wohnheiten, von denen wohl die einen angeboren, die anderen aber erworben ſind. Auf jene hat die Erziehung wenig Einfluß deren Vorhandenſein erkennt Prévoſt alſo doch an, auf dieſe aber kann die Erziehung ganz bedeutend einwirken; dieſe beiden Kräfte wider⸗ ſtreiten ſich durchaus nicht, ſie heben ſich nicht gegenſeitig auf, man könnte hier vielmehr das Geſetz von dem Parallelogramm der Kräfte anwenden. Der Charakter iſt eigentlich nichts weiter als die Reſultante aus angeborener und erworbener Gewohnheit. Erworben wird z. B. um ein ganz einfaches Beiſpiel zu wählen die Gewohnheit, regelmäßig zu eſſen. Zuerſt ſträubt ſich wohl das kleine Kind, ſchließlich aber fügt es ſich, und periodiſches Eſſen wird ihm zum Geſetz.

Wenn, wie bereits hervorgehoben wurde, die Pflege der Geſund⸗

heit des Erziehers vornehmſte Aufgabe ſein ſoll, ſo erhebt ſich die Frage: wo läßt ſich dieſes Ideal am leichteſten erreichen? Natürlich preiſt da Prévoſt die Erziehung auf dem Lande. Sowohl vom geſund⸗ heitlichen, als vom rein erzieheriſchen Standpunkt aus iſt die Er⸗ ziehung auf dem Lande wenigſtens für die erſten Lebensjahre weit beſſer als in der Stadt. Hier iſt die umgebende Welt dem Anſchauungsvermögen des Kindes angepaßt, hier iſt alles einfach, und in dieſer einfachen Welt kann es ſich frei und ungebunden bewegen. Und hier findet das Kind auch das, wozu es ſich am meiſten hingezogen fühlt, Pflanzen und Tiere.Es iſt gleichſam, ſo ſagt Prévoſt, als erkenne das Kind in ihrem eigenen freien inſtinktiven, ungeſtümen Leben die charakteriſtiſchen Merkmale ſeines eigenen Lebens wieder. In der Großſtadt allerdings, ſo könnte man einwenden, ſind die Ein⸗ drücke viel reicher, mannigfaltiger, aber gar häufig ſind ſie zu kom⸗ pliziert, das Kind kann ſie nicht erfaſſen und wenn ſie ſie erfaßt, dann iſt es nur oberflächlich. Dieſe Beanlagung des Kindes zeigt ſich übrigens auch in ſeinem Verhalten zu den Spielzeugen. Weil ſie ihm nicht einfach genug ſind, macht es ſich alsbald daran, ſie zu vereinfachen, zu

zerlegen, d. h. eszerſtört ſie.

Neben der Pflege des Körpers darf diejenige des Geiſtes nicht vernachläſſigt werden. Ein ſchönes Gleichnis bietet hier Montaigne, er vergleicht Körper und Geiſt mit 2 Pferden, die an denſelben Wagen geſpannt ſind. Das will ſagen, daß nicht das eine gepflegt und das