Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
Einzelbild herunterladen

91

nun an war ſie gezwungen, das Kind immer zu wiegen. Damit hatte das Kind eine ſchlechte Gewohnheit angenommen und ſeinen erſten Sieg über ſeine Mutter davongetragen.

Es wurde eben geſagt, eine gute Erziehung müſſe ſich auf das zukünftige Glück des Menſchen begründen. Das war nicht klar genug und zwar einfach deshalb, weil wir wiſſen, daß doch jeder Menſch eine eigene Auffaſſung vom menſchlichen Glück hat; folglich müßte es auch verſchiedene Erziehungsſyſteme geben. Und dieſe gibt es in der Tat. Dies erklärt ferner auch den Widerſpruch der Erziehungslehren unter⸗ einander und außerdem das Unklare in jedem einzelnen Syſtem.

Prévoſt will dieſe Klippe vermeiden, indem er ſeine Definition folgendermaßen ändert:Ein Kind erziehen, heißt ſeine beſte An⸗ paſſung an die Verhältniſſe des Lebens vorbereiten, ſo wie man es vernünftigermaßen vorausſehen kann.

Es gibt demnach in der Erziehung feſtſtehende Prinzipien, das ſind diejenigen, welche die unveränderlichen Bedingungen der menſchlichen Geſellſchaft ins Auge faſſen, und daneben gewiſſe ver⸗ änderliche Prinzipien, d. h. ſolche, welche die Bedingungen des menſchlichen Lebens in Betracht ziehen, die einem Wechſel unterworfen ſind. Alſo, ſowohl das Millionärskind, als auch das Arbeiterkind wird für die menſchliche Geſellſchaft erzogen, beiden müſſen deshalb die Fähigkeiten mitgeteilt werden, die von jedem Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft gefordert werden. Aber werden beide dereinſt auch in derſelben geſellſchaftlichen Sphäre leben? Vorausſichtlich nicht. Folg⸗ lich erziehe man das Kind nicht allein für die menſchliche Geſellſchaft ſchlechthin, ſondern für den Kreis von Menſchen, in denen es durch ſeine Geburt zu leben beſtimmt erſcheint. Und dieſe Geſellſchaft hat wiederum begründete Anſprüche auf das Einzelindividium. Wir dürfen deshalb bei der Erziehung über dem Wohl des Individuums nicht das Wohl der Geſellſchaft aus dem Auge laſſen und zwar nicht nur aus Altruismus, ſondern auch aus einer inneren Notwendigkeit heraus, denn perſönliches Wohl und ſoziales Wohl ſind innig mit⸗ einander verquickt.

Nach dieſen beiden Richtungen hin müſſen die dem Kinde an⸗ geborenen Fähigkeiten entwickelt und diszipliniert werden.

Was ſindangeborene Fähigkeiten des Kindes? Prévoſt legt Wert darauf, hier eine bedeutende Einſchränkung zu machen; denn wie häufig hört man die Meinung vertreten, die Erziehung des und jenen Kindes ſei zwecklos, da ja doch ſchließlich die von den Vorfahren