Aufsatz 
Marcel Prévost als Jugenderzieher
Entstehung
Einzelbild herunterladen

65

entwirft. Aber, ſo fragt er mit Recht, iſt eine wirklich gute Erziehung nicht überhaupt ein Privileg? und muß ſie es überhaupt nicht immer bleiben? Denn nicht allein in den realen Verhältniſſen, ſondern auch in dem in dem einzelnen Menſchen begründeten Weſen liegen Hinder⸗ niſſe, die eine gute Erziehung beeinträchtigen. Und dennoch predigen wir ein Erziehungsideal, aber nicht doch in der Hoffnung, daß nun durchaus dieſes Ideal voll verwirklicht werde. Nein, wie überall, ſo iſt auch hier das Ideal ein ſchönes Ziel, das wir nicht erreichen werden. Aber ſchon, indem man ſich dieſem Ziel zu nähern verſucht, handelt man gut und wird aus derparesse éducatrice(Prévoſts Lieb⸗ lingswort) herausgeriſſen. Und das zu erreichen, iſt Prévoſt heißes Bemühen, und auch damit gübt er ſich ſchon zufrieden.

Prévoſt iſt ſehr vorſichtig. Er fürchtet, man könne ihm die Frage entgegenhalten: war denn ein ſolchesErziehungsbuch wirklich nötig angeſichts der Menge von Erziehungsſchriften in der Literatur des 19. Jahrhunderts? Auch hierauf weiß er zu antworten. Er glaubt, daß keines einen wirklichen Einfluß hat gewinnen können; ein Familienbuch wie es Fénélons Werkl'Education des filles oder RousseausEmilewar, iſt keines geworden. Und dieſe letzteren Werke ſelbſt dürfen uns nicht mehr als Vorbild dienen, ſie können uns nur Anregungen geben; auch ſie werden deshalb kaum noch zum Zwecke der Belehrung geleſen.

Und dieſen Zuſtand findet Prévoſt umſo bedauerlicher, als er weiß, wie ſehr doch jede junge Mutter den Rat eines erfahrenen, alten Onkels l'oncle-conseil über Kindererziehung ſich wünſcht. Da aber dieſer Rat nicht leicht zu erhalten iſt, ſo fehlt ſchon von vornherein jede Begeiſterung zu dem ſo ſchweren Amte des Erziehers, die junge Mutter iſt jeder leitenden Idee, die ihr als leuchtender Stern vor⸗ ſchweben ſollte, bar, und die Folge davon iſt, ſo klagt Prévoſt,die Anarchie, die die franzöſiſche Erziehung ſeit 100 Jahren ſtört und ſich in dem Maße verſchlimmert, als die religiöſen Ideen auf die Mehr⸗ heit der franzöſiſchen Mütter einen immer geringeren Einfluß ausüben.

Kein Wunder deshalb, daß die heutige franzöſiſche Jugend dem franzöſiſchen Patrioten und das iſt Prévoſt von ganzer Seele kein ungetrübtes Bild bietet. Intereſſant iſt die Charakteriſtik, die er von ihr entwirft.

Die moderne franzöſiſche Jugend zeigt neben einigen offenbaren guten Eigenſchaften große Mängel. Ihre guten Eigenſchaften: Frei⸗ mütigkeit, eine geſunde realiſtiſche Lebensauffaſſung, Abneigung gegen